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Season Preview

20. September 2016

Brose Bamberg: Komm, gib mir Deine Hand!

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Die Anerkennung war groß in Basketball-Deutschland: Brose Bamberg hat mit ausgesprochen ansehnlichem Basketball die deutsche Meisterschaft gewonnen und tolle Erfolge in der Euroleague gefeiert. Zur neuen Saison steht das Team vor einer enormen Herausforderung. Eine schier unendliche Reise erwartet die Mannschaft, da die Euroleague mit einem neuen Modus an den Start geht und jedem Team eine komplette Saison abverlangt. 

Wie auch immer das Konstrukt bewertet wird und unabhängig davon, was sich für Konsequenzen ergeben werden: Für den Basketball-Fan wird es eine Aneinanderreihung von Topspielen geben, die er so noch nicht gesehen hat. Monate voller Dramen, deutlichen Siegen und vermeidbaren Niederlagen. National wie international. Brose Bamberg hat dafür den Kader verbreitert und stellt sich so talentiert auf wie noch nie. Als wollten sie dem vom Reisefieber erfassten Fan sagen: "Komm, gib mir Deine Hand. Das Abenteuer kann beginnen."

Google Maps installiert. Das ist doch alles Wahnsinn. Euroleague: 30 Spieltage. BBL: 34 Spieltage. Und dann noch Playoffs, idealerweise in beiden Ligen. Pokal. So kommt man dann irgendwann auf 80-90 Spiele. Logischerweise halb so viele Auswärtsreisen. Es geht alleine viermal nach Istanbul.

In der Kabine wird es deutlich enger werden. Um den Stress besser zu bewältigen, hängen dort demnächst 16 Turnbeutel am Haken. Einer allerdings hat seine Sachen gepackt. Ein Wiedersehen mit Brad Wanamaker wird es nur noch in der Euroleague geben, er wechselte zu Darussafaka Istanbul. Als Ersatz für den Liga-MVP wurde Fabien Causeur geholt. Nicht so bullig wie Wanamaker, aber ansonsten das ganze Paket: Zug zum Korb, guter Wurf, Basketball-IQ. Hatte aber Rücken zum Ende der Saison. Daher: Sollten in der Kabine mal größere Möbelstücke verrückt werden müssen, mit Vladimir Veremeenko hat man sich einen kräftigen großen Spieler geholt.

Hochspannend das Projekt Maodo Lo. Der College-Absolvent hat gerade die deutsche Nationalmannschft als Point Guard zur EM geführt. Den ganz großen Namen, wie von manchen gehofft, hat der Meister nicht verpflichtet. Dafür wurde nahezu das komplette Team zusammengehalten, was man dem Verein hoch anrechnen muss. Miller, Theis, Strelnieks, Melli usw. sind bei den Fans mittlerweile feste Identifikationsgrößen. Ein so hohes Maß an Qualität über einen längeren Zeitraum gab es zuvor noch bei keinem deutschen Verein. Um das Brose-Konto zu entlasten, ist zu vermuten, dass demnächst ein internationaler Partner mit ins Boot kommt.
 

Vermächtnis. Ein großes Wort. Ein schönes Wort. Andrea Trinchieri mag große und schöne Worte. Seine Interviews sind eine wunderbare Mischung aus witzig-blumigen Lebensweisheiten und scharfen Analysen. Er arbeitet für sein Vermächtnis in Bamberg.


Es könnte sein letztes Jahr in Oberfranken sein. Schon häufiger hat er in der Vergangenheit den Zeitrahmen von drei Jahren genannt, in dem sein Stil am besten funktioniert. Wir erwarten auch die eine oder andere Veränderung im taktischen Bereich, um das Team unberechenbarer zu machen. Für das Vermächtnis braucht es aber auch den Erfolg in der Euroleague: Platz Acht. Playoffs. Das reicht für ein Denkmal, ein kleines. So richtig groß ist in Bamberg ja nichts. Außer Basketball.
 

Gestandene Nationalspieler. Theis, Lo und Heckmann trugen im Sommer den Adler auf der Brust. So wie beim gesamten deutschen Team gab es hier gute und schlechte Tage. Lo musste mit der ungewohnten Rolle des Point Guards viel Verantwortung tragen. Auf dem College brillierte er mit seinen schnellen Offensivaktionen. Dank seiner Wendigkeit kann er die Defense in zahllosen Situationen attackieren, durch seinen guten Wurf dürfen die Gegner nicht zu weit absinken. Und jetzt hat er sogar im Crashkurs die "Europäischer-Point-Guard-Zusatzausbildung" erhalten. Diese Combo-Funktion wird ihm im Trinchieri-System sehr entgegen kommen, da die klassische Rollenverteilung in der Welt des Italieners sowieso abgeschafft wurde. In unserem Telekom Basketball Podcast sprühte Lo vor Trainingseifer.

MAODO LO

Ich muss in die Halle. Das ist meine Natur. Irgendjemand trainiert gerade, also muss ich auch trainieren.


Patrick Heckmann gefiel in der Nationalmannschaft immer wieder bei seinen Einsätzen als Shooting Guard. Er kann unglaublich korbgefährlich sein. Unschuldiger Blick, aber ein sehr gesundes Selbstverständnis wie man Basketball spielen sollte. Daniel Theis bekam zu hören, dass wieder mal viele Teams an ihm interessiert waren. Doch irgendwelche wilden Zahlen wurden ihm dann doch nicht zur Unterschrift vorgelegt. Und der Wohlfühlfaktor des Bamberger Umfelds scheint für ihn wie für andere junge Familienväter im Team eh unbezahlbar zu sein. Elias Harris erlebte eine schwankungsintensive Saison in Bamberg und musste ab und an am äußersten Ende der Bank Platz nehmen. Er sollte mehr aus seinen Möglichkeiten machen. Auch Lucca Staiger muss in diesem dichten Kader den Konkurrenzkampf annehmen und für seine Minuten heftig arbeiten. Yassin Idbihi hat seinen Spot vorerst abgegeben, er wird dem ProA Team von Baunach helfen. In der Vorbereitung hat der 19-jährige Leon Kratzer viel auf der großen Position gespielt. Der Nachwuchscenter wird den Platz von Idbihi im Kader einnehmen. 
 

Ihnen ist Scarlett Johansson zu blond? Der Sand auf den Seychellen zu weiß? Das Bier auf der Wiesn zu teuer? Dann werden sie sich vermutlich nicht Bamberger Basketball anschauen, denn sie haben irgendwo das Haar in der Suppe gefunden. Ansonsten gilt: 34mal wird sich Basketball-Deutschland gegen den Meister stemmen und irgendwie versuchen, der aktuell besten Mannschaft des Landes das Leben schwer zu machen. Auf uns warten mindestens 30 (!) (in Euroleague-Worten: dreißig, trenta, otuz, тридцать, שלושים) gegen die besten Teams in Europa. Das wird eine unvergleichliche Reise quer durch alle Spielstile und Talente in Europa. Bamberg hat vergangene Saison den attraktivsten und erfolgreichsten Basketball in Deutschland gespielt. Jede weitere Diskussion erübrigt sich an dieser Stelle. Wo sind die Reiseführer? Übrigens ist Scarlett Johansson fantastisch. 
 


 

TELEKOM-BASKETBALL-KOMMENTATOR MICHAEL KÖRNER

Ich empfinde eine extreme Vorfreude.

"Ein deutsches Team etabliert sich unter den Top 10 Teams in Europa. Von dieser Konstellation träume ich seit einem Vierteljahrhundert. Besonders schön, dass fast alle in der Mannschaft dabei geblieben sind. Die Verpflichtung von Causeur hat viele Vorteile. Er kennt die Euroleague, konnte die gesamte Vorbereitung mitmachen und kann dem Offensivspiel vielleicht sogar noch mehr Ideen geben als Wanamaker. Ich empfinde eine extreme Vorfreude auf die Bamberger Spiele, kann mir aber gut vorstellen, dass sie in der BBL ab und an unter dem Euroleague-Spielplan leiden werden."