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22. September 2016

Bayerns neues Narrativ: Nicht Bamberg, nicht die Meisterschaft

Von Florian Schmidt-Sommerfeld
@Schmiso

Der FC Bayern Basketball hat zwei titellose Jahre hinter sich, in München ist man leiser geworden. Bei der Pressekonferenz zur Saisoneröffnung mahnt Neu-Trainer Sasa Djordjevic zur Demut, will von Bamberg noch nichts wissen, Geschäftsführer Marko Pesic zeigt sich in der Point Guard-Frage gelassen. Und um alles weht der neue alte Wind des alten neuen Präsidenten Uli Hoeneß.

Im Sport geht es – vor allem aus journalistischer Sicht – oft ums Narrativ, die Erzählung und Erzählweise. Das Narrativ des FC Bayern Basketball ließ sich in den letzten Jahren eigentlich leicht bestimmen. Es ging um den Weg an die Spitze. Spätestens ab der Saison 2013/14 war das Saisonziel stets die Meisterschaft, alles war auf den ersten Titel der Neuzeit ausgelegt, und der wurde prompt auch gewonnen. In den letzten beiden Jahren schlug der von Bayern entthronte Serienmeister Bamberg aber eindrucksvoll zurück, die Münchner Kampfansagen liefen ins Leere. Vor zwei Jahren siegte Bamberg mit hauchdünnem Vorsprung, die Finalserie ging über fünf Spiele. In der vergangenen Saison fertige Bamberg den Herausforderer im Halbfinale mit 3:0 ab, Brose rauschte ohne Blick nach links und rechts zum Titel. Es sah so aus, als hätte Bayern – wie auch der Rest der Liga –  den Anschluss an die beste Mannschaft der BBL verloren. Und so stellt sich das Narrativ für die neue Bayern-Saison ja fast von selbst auf. Wie nah rückt Bayern wieder an Brose heran? Und kann Bayern sogar überholen und den Titel einfahren?

Sasa Djordevic

Wer sagt eigentlich, dass wir am Ende gegen Bamberg um den Titel spielen.

Das Narrativ prägen aber maßgeblich noch immer die Basketball-Protagonisten mit ihren Aussagen. Spieler, Trainer, Verantwortliche – und die haben sich beim FC Bayern für diese Saison ein anderes Narrativ ausgesucht. „Jeder redet über Bamberg“, sagt der neue Trainer Sasa Djordjevic, angesprochen auf die Jagd auf den Meister. „Aber Leute: Bevor wir gegen Bamberg spielen, haben wir noch viele andere Spiele. Also langsam. Wer sagt eigentlich, dass wir diejenigen sind, die am Ende gegen Bamberg um den Titel spielen?“ Heißt: Bamberg spielt am Ende um den Titel, aber Bayern auch? Leise Töne, Respekt vor dem Meister, keine Kampfansage. Bescheidenheit, die man dem neuen Trainer sofort abnimmt. „Ich war immer demütig, und das werde ich hier jedem in meiner Nähe mitgeben“, erklärt der Serbe. „Ich denke nicht an Bamberg, ich denke an Oldenburg. Lasst den Champion aus unseren Gedanken, wir müssen an andere Dinge denken. Wir können wir heute das beste aus dem Training machen? Und dann: Wie gewinnen wir das nächste Spiel? Das nächste Spiel ist das Wichtigste – so wird es die ganze Saison sein. Hoffentlich kriegen wir eine Chance um den Titel zu spielen, dafür sind wir alle hier, aber das muss man sich erst erarbeiten.“

Der Trainer stellt sich andere Fragen, als die über den Abstand zu Bamberg und ob er sich verringert hat. „Das wird sich zeigen, wenn wir gegeneinander antreten“, sagt Maxi Kleber darauf angesprochen und schlägt damit in eine ähnliche Kerbe wie sein Trainer. „Wie es letztes Jahr in den Playoffs gelaufen ist, hat so auch keiner erwartet. Das war sehr frustrierend, aber ich gehe davon aus, dass es dieses Jahr anders aussehen wird.“ Kleber ist einer von denen, die die enttäuschende letzte Saison miterlebt haben, aber einfach nicht herumreißen konnten. „Ich habe einige Interviews gelesen“, sagt Geschäftsführer Marko Pesic. „Alle, die letztes Jahr hier waren sind ein bisschen vorsichtiger in Aussagen, Titel gewinnen zu wollen.“ Ausnahmslos alle Neuzugänge ließen dagegen bei ihrer Ankunft in München verlauten, dass sie hier Titel gewinnen wollen. „Bambergs wichtigster Spieler mit Wanamaker ist gegangen“, erklärt Neuzugang Danilo Barthel. „Sie haben natürlich adäquaten Ersatz gefunden, nichtsdestotrotz ist der Abstand wieder kleiner geworden. Wir haben sehr, sehr gute Spieler verpflichtet, die bei Topclubs gespielt und individuelle Awards eingefahren haben. Der Abstand wurde deutlich verkürzt, wenn wir nicht sogar wieder auf Augenhöhe sind.“ Interessant: Je länger Barthel spricht, desto positiver fällt sein München-Bamberg-Vergleich für sein Team aus.

Bryce Taylor

Wanamaker ist hinter Delaney der beste amerikanische Guard in Europa.


Malcolm Delaney: Via München und Kuban in die NBA (Atlanta Hawks)

Kapitän Bryce Taylor sieht es ähnlich. Seine Bayern sind wieder näher am großen Konkurrenten dran. „Ich denke ja. Dass sie Wanamaker verloren haben, schwächt sie wirklich. Sie haben Maodo Lo und Fabien Causeur geholt, aber ich denke, sie sind nicht so gut wie Wanamaker. Ohne Wanamaker müssen sie auch ihre Identität wiederfinden, weil er so ein dominanter Playmaker war. Es war so viel Aufmerksamkeit auf ihm, dass er Würfe für andere kreiert hat. Sie werden durch eine Anpassungsphase gehen. Es ist ein Prozess so eine Lücke zu füllen.“ Dazu kommt die gigantische Belastung durch die 30 Spiele in der Euroleague. Auch wenn der neue Trainer (wohl aber vor allem die Journalisten) dazu auffordert, Bamberg aus den Gedanken zu verbannen, das Gespräch mit Bryce Taylor zeigt deutlich: Der Kapitän weiß genau Bescheid, was beim Kontrahenten los ist. Von der Meisterschaft spricht Taylor dennoch nicht. „Den Audi Dome immer voll zu machen“, nennt er als Saisonziel. „Er war letzte Saison lange verletzt“, erklärt Taylor, wieso Causeur nicht mit seinem Vorgänger mithalten kann. „Außerdem ist er ein anderer Spielertyp, er ist nicht so athletisch und dynamisch wie Wanamaker. Er ist ein guter Spieler, aber Wanamaker ist für mich – hinter Malcolm [Delaney] – der beste amerikanische Guard in Europa. Sein Abgang reißt eine große Lücke.“

4610 | Halbfinale 3: Brose Baskets - FC Bayern München

Taylor weiß schmerzlich genau, wovon er spricht. Die Lücke, die Malcolm Delaney nach seinem Abgang in München hinterlassen hat, konnte nie wirklich gefüllt werden. Mit Alex Renfroe und Anton Gavel stehen momentan zwei Point Guards zur Verfügung, keiner der beiden war in der vergangenen Saison aber der erhoffte Anführer auf der Eins. Ein dritter Point Guard wird noch gesucht. „Ich weiß nicht wer und wann, aber ich habe das Gefühl es kommt jemand“, sagt Kapitän Bryce Taylor. Trainer Sasa Djordjevic beweist in der Einser-Frage große Geduld. „Wir hatten die Chance, einen Point Guard zu holen. Wir wollen aber nichts überstürzen, um einfach nur einen Spieler zu holen. Sobald die Saison losgeht – auch mit Eurocup – ist die Tiefe des Kaders entscheidend. Wir analysieren immer noch. Wir haben Dominic Waters im Probetraining, um zu sehen, in welcher Verfassung er ist.“ Waters spielte zuletzt in Griechenland für Aris Thessaloniki, im Eurocup legte der 29-jährige Aufbauspieler 10,9 Punkte und 4,5 Assists pro Spiel auf.

Uli Hoeneß über einen neuen Point Guard

Es liegt nicht am Geld, es liegt an Marko.

Geschäftsführer Marko Pesic sucht vor allem einen Point Guard, der die gegnerischen Aufbauspieler kaltstellt. „Letztes Jahr waren wir offensiv sehr gut, das zeigen die Zahlen aus der Hauptrunde: Nr 1 in Punkten, 91 Punkte pro Spiel, über 50 Prozent aus dem Feld, über 40 Prozent Dreier, 90 Prozent Freiwürfe. Dieses Jahr haben wir unser Hauptaugenmerk auf Spieler gelegt, die in der Verteidigung besser sind, variabler sind. Das Entscheidende ist: Wenn wir einen Spieler als Point Guard holen, muss er der beste Verteidiger sein, weil wir diese Baustelle auf jeder Position schließen wollen. Es geht darum den richtigen, nicht mal den besten, sondern den richtigen Spieler zu holen.“ Das nötige Geld für das letzte Puzzlestück im Kader hat der alte und ab November neue Präsident Uli Hoeneß bereits zugesagt.  „Richtig, da ist Marko Pesic gefragt“, bestätigt Hoeneß im Interview mit der TZ, dass noch ein Aufbauspieler kommen soll. „Marko weiß, dass wir – wenn er einen geeigneten Spieler präsentiert – alles dafür tun werden, um die finanziellen Möglichkeiten zu schaffen. Es liegt nicht am Geld, es liegt an ihm. Er ist also ein Stück weit unter Druck, uns einen Spieler zu offerieren, der diese Fähigkeiten hat.“

Hoeneß macht Druck auf Pesic? Davon will der Geschäftsführer selbst nichts wissen. „Es gibt in diesem Verein keine Person, die sich mehr freut als ich, dass Hoeneß zurückkommt“, so Marko Pesic. „Es ist für den Verein und für den Basketball  Deutschland sehr wichtig, dass Hoeneß wieder zurück ist. Wer Herrn Hoeneß kennt, weiß, dass er sehr ungeduldig ist. Wir haben Gespräche geführt, er versteht die Situation perfekt. Er will eben sofort eine Lösung. Wir brauchen aber genau das, dass er als Lokomotive vorne pusht. Druck von seiner Seite spüre ich überhaupt nicht.“ Deutlich spürbar ist dagegen die Aufbruchsstimmung, die den Audi Dome umgibt. Ein LED-Videowürfel hängt ab sofort in der Halle, die Kabinen werden erneuert. Vor allem aber bringt der Neuanfang auf der Trainerposition und die Rückkehr des Präsidenten frischen Wind. Hoeneß und Djordjevic stehen für Titel und Erfolge. Das eingangs beschriebene, alte Narrative – die Titeljagd –  könnte bald wieder Einkehr finden. Aber nichts überstürzen. Das haben sie beim FC Bayern Basketball gelernt, in zwei titellosen Jahren.