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Kochs Kolumne

4. Oktober 2016

Teamchemie: So viel Einfluss hat der Trainer wirklich!

Stefan Koch

Von Stefan Koch

Sie ist die große Unbekannte, die eine Saison in die Höhe heben oder ins Verderben stürzen kann. Gerade in der Anfangsphase der Saison beäugen nicht nur die Trainer, sondern auch die Medien sehr genau, wie sich diese Komponente in den Teams entwickelt. 

Wie finden sich die neuen Spieler ein? Harmoniert die Mannschaft auf dem Feld? Akzeptieren die Akteure ihre Rollen und unternehmen die Jungs auch mal etwas gemeinsam abseits des Trainings und der Spiele?

Die Zahl der Aspekte ist unbegrenzt, ihre Übergänge sind fließend und manchmal fast unmöglich zu durchschauen. Entsprechend konzentriere ich mich auf einige Erfahrungen und Einsichten, die ich in meinen 20 Jahren als professioneller Basketball-Coach gewinnen durfte. 

Bezüglich der Teamchemie beginnt alles mit der Auswahl des spielenden Personals. Natürlich suchen wir gute Jungs, aber zwölf einwandfreie Charaktere bilden keinesfalls automatisch ein schlagkräftiges Team. Dennoch habe ich immer sehr auf den Charakter meiner Spieler geschaut. Ich wollte nie Akteure, deren Triebfedern negativ gelagert waren, die Zorn, Wut oder Enttäuschung zu den Grundlagen ihres Handelns machten.

Im Mannschaftssport braucht man Menschen, die gruppenfähig sind. Ich vermute, dass jeder Coach „Gruppenfähigkeit“ anders definiert. Für mich waren in diesem Bereich drei Aspekte besonders wichtig: die Akzeptanz anderer Meinungen, der Wille, an gemeinsamen Problemlösungen mitzuarbeiten und Fairness. Unter Fairness habe ich auch die Bereitschaft verstanden, die Leistungen der Mannschaftskameraden und den damit verbundenen Platz in der Hierarchie anzuerkennen. Ein gutes Beispiel ist hier Mike Morrison, der Center der Skyliners, der in den letzten beiden Spielzeiten als Ausländer seinen Platz hinter dem jungen Deutschen Johannes Voigtmann akzeptiert und ausgefüllt hat.


Auch von der Bank eine Wucht: Mike Morrison.

Dennoch kann man  über diese Kriterien keine gute Sozialchemie - und erst recht keine gute Arbeitschemie - in einem Team garantieren. Zwölf gute Burschen müssen sich noch lange nicht gut verstehen. Wer wen möglicherweise nicht ausstehen kann, ist bei der Zusammenstellung einer Mannschaft fast unmöglich abzuschätzen.

So sehr ich charakterlich einwandfreie Spieler wollte, so sehr war mir auch klar, dass dies keine Grundlage für eine funktionierende Teamchemie ist. Für mich war es immer so, dass eine gute Arbeitschemie eine gute Sozialchemie nach sich ziehen kann. Umgekehrt ist das aus meiner Sicht nicht möglich. Wenn wir die Spieler bezüglich ihrer Rollenverteilung so zusammenstellen, dass sie erfolgreich Basketball spielen können, haben wir einen extrem wichtigen Baustein für eine gute Teamchemie gesetzt. Der sportliche Erfolg ist der Grund, warum wir zusammengekommen sind. Stellt er sich ein, sind alle entspannter und die Chance, dass sie auch eine gute Sozialchemie entwickelt, ist gegeben. Wenn sich alle mögen, aber der Erfolg auf dem Parkett nicht realisiert werden kann, wird sich diese Chemie als brüchig erweisen.

Stefan Koch

Wenn sich alle mögen, aber der Erfolg auf dem Parkett nicht realisiert werden kann, wird sich diese Chemie als brüchig erweisen.

Ich werde oft gefragt, wie man mit einem sogenannten „bad apple“ umgeht. Es gibt Spieler, die mehr Aufmerksamkeit und Zeit vom Coach benötigen als andere. Hier ist der Begriff „bad apple“ aber völlig fehl am Platz. Ein „fauler Apfel“ ist für mich ein Spieler, der sich außerhalb der grundsätzlichen Werte und Wertvorstellungen der Mannschaft bewegt. Es ist fair, diesem Menschen eine zweite Chance zu geben. Es ist aber auch dem Rest der Mannschaft gegenüber fair, sich von ihm zu trennen, wenn er keine Einsicht zeigt.

Es wird in einer Mannschaft immer Grüppchen geben, Spezies, die besonders gut miteinander können. Ich denke, dass das normal ist und per se kein Interventionsgrund für den Coach sein sollte. Wenn allerdings diese Grüppchen gegen das Wohl des Teams arbeiten, dann muss sofort gehandelt werden.

Wenn die Teamchemie stimmt, macht es auch mir als Coach besonders viel Spaß. Die beiden Mannschaften, deren herausragende Teamchemie mir sofort in den Sinn kommt, sind die Gießen 46ers 2004/2005 und die Artland Dragons 2010/2011. Wir haben jeweils das Halbfinale gegen den späteren Meister aus Bamberg erreicht. 2004/2005 galten wir als Abstiegskandidat, aber die Mannschaft hatte bereits in der Vorbereitung eine außergewöhnliche Arbeitseinstellung und einen positiv fordernden Umgang miteinander an den Tag gelegt.


Das Überraschungsteam 04/05: (v.l.) Campbell, Hartenstein, Eidson, Terdenge, Gavel

In der Rückrunde sagte ein Coach zu mir: „Ich hätte bereits in der Vorbereitung gewettet, dass ihr die Überraschung der Saison werdet. Eure Teamchemie war schon im September unglaublich.“ Das extrem hohe Maß der emotionalen Unterstützung in der Mannschaft war schon zu diesem frühen Zeitpunkt spürbar.

In Quakenbrück war es anders. Da hat sich die Teamchemie Stück für Stück entwickelt, Vertrauen ist gewachsen, so dass am Ende alle Teammitglieder mannschaftliche Kompetenz vor individuelle Prominenz gestellt haben. Das war in der Vorbereitung in dieser Form noch nicht absehbar.

Wenn aber negative Tendenzen früh deutlich werden, sollte der Coach handeln. So hat es Johan Roijakkers letzte Saison richtigerweise in Göttingen getan und damit einen wichtigen Grundstein für den Klassenerhalt gelegt.


Wusste genau, auf wen er sich verlassen kann: Johan Roijakkers.