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Körners Corner

08. Dezember 2016

Basketball-Regeln: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Basketball ist eine komplexe Sportart. Selbst jahrelangen Beobachtern sind oft nicht alle Regeln bekannt. Ist Basketball zu kompliziert? Ist Fußball einfacher zu verstehen? Sollte man Regeln ändern oder gar abschaffen? Oder ist das alles völlig egal? 

Fußball ist in Deutschland Sportart Nummer Eins. Und Zwei und Drei und Vier. Fußball ist beinahe unerträglich populär. Dabei hat die Sportart an sich einige Schwächen. Oft zirkuliert der Ball relativ belanglos durch irgendwelche Abwehr- oder Mittelfeldreihen. Es gibt Rück- und Fehlpässe oder der Zufall bestimmt, wohin das Spielgerät abgefälscht wird. Es ist nicht selten einfach langweilig.

Aber geschaut wird es trotzdem millionenfach und ich schließe mich selber nicht aus.

Mein größtes Problem mit Fußball ist die Tatsache, dass die sehr guten Spieler zu wenige Möglichkeiten haben, ihr einzigartiges Talent auszuleben. So ein Messi beispielsweise bräuchte doch eigentlich viel mehr Platz. Ständig wird er von ein, zwei, drei Gegnern beackert. Außerdem sollten Fouls anders bestraft werden. Eine gelbe Karte ist meines Erachtens sinnlos. 10 oder 15 Minuten Zeitstrafe sind viel effektiver. Die Strafe muss sofort angetreten werden und schwupp, es ist auch noch mehr Platz auf dem Feld.

Mit Regeländerungen ist es aber bekanntlich so eine Sache. Speziell beim heiligen Fußball, der einfach funktioniert so wie er ist. Da traut man sich nicht so richtig ran. Wie gerne würde ich mal ein Spiel sehen wo es kein Abseits gibt. Einfach mal so.

Nun spiele ich selber kein Fußball. Also habe ich mir mal eine Expertenmeinung eingeholt. Meine Gedanke war, dass es ist für den Fußball wesentlich besser wäre, gäbe es einen Feldspieler weniger. Die Jungs sind alle so gut trainiert, laufen 90 Minuten ohne Pause, dadurch sind die Räume bekanntlich immer so eng, ständig Zweikämpfe, Fouls, unterbrochene Spielzüge. Die Sache mit dem fehlenden Platz, Sie wissen schon.

Ich habe einen Fußball-Nationalspieler gefragt, was er davon hält. Und ich wurde, naja, äh, belächelt? Jedenfalls kam die Idee nicht so gut an. Weniger Spieler bedeutet noch mehr laufen. Und noch mehr laufen, sei nicht der richtige Weg wurde mir gesagt.

Objektiv gesehen ist Basketball der wesentlich attraktivere Sport. Es geht immer rauf und runter. Ständig rappelt es, Erfolgserlebnisse ohne Ende. Es gibt kein „Mittelfeldgeplänkel“, kein „Abtasten“, keine sonstigen Begriffsgeburten, die Langeweile beschreiben müssten. Auch größere Rückstände können aufgeholt werden und das passiert auch wesentlich häufiger als in anderen Sportarten. Aber es stimmt natürlich auch, dass Basketball ziemlich kompliziert ist. Ein Wust an Regeln. Für Neueinsteiger gibt es scheinbar einige nur sehr schwer zu überwindende Einstiegshürden. Mir sagte mal jemand, es wäre ja schon kompliziert, wann ein Korb ein, zwei oder drei Punkte zähle. Zwar hab ich ihn zuerst etwas mitleidig angeschaut, aber nach einiger Überlegung kann ich zumindest nachvollziehen, dass es für einen Außenstehenden tatsächlich verwirrend sein kann.

Die größte Spaßbremse beim Basketball ist sicherlich das Foul. Das ursprünglich „körperlose“ Spiel schützt seine Athleten immer noch massiv vor dem gegnerischen Kontakt. Also ertönt die Schiedsrichterpfeife recht häufig und führt zu einer Unterbrechung des Spiels. Zumindest wenn ein Foul aus taktischen Gründen gewählt wird, beginnt die Diskussion über Sinn und Unsinn einer solchen Aktion. Denn im ursprünglichen Sinne bezeichnet ein Foul ja eine Verletzung einer Regel und es sollte nicht ihr Bestandteil sein. Immerhin hat man in dieser Saison der ausufernden Anzahl taktischer Fouls zur Eindämmung von Fastbreaks einen Riegel vorgeschoben. Die entsprechend härtere Bestrafung als „unsportliches Foul“ hat zu einer drastischen Verringerung geführt.

Ein Dauerthema bleibt die Foulproblematik in der Schlussphase, um den gegnerischen Ballbesitz zu unterbinden und unter Hinnahme von Freiwürfen wieder selber die Möglichkeit zum Punkten zu bekommen. So hat sich schon manche Schlussphase schier endlos hingezogen.

Tatsächlich gab es in den 80er Jahren mal eine Regel, die das taktische Foul in der Schlussphase eindämmen sollte. Damals hatte das gefoulte Team die Option, ob es an die Freiwurflinie geht oder den Ball erneut per Einwurf an der Mittellinie ins Spiel bringt.

Wenn du allerdings dem Team, welches 40 Sekunden vor Schluss mit fünf Punkten zurück liegt, die Chance geben willst, die Partie noch zu gewinnen, dann geht das nicht. 

Aber will man das?

Basketball ist dynamisch, schnell, volatil. Und irgendwie verlangt der Fan, dass es, wenn möglich, bis zum Schluss so sein muss. Zur Not eben auch noch mit der üblichen „Stop-the-clock“-Taktik und einer nervigen Freiwurforgie.

Welche Alternativen gibt es?

In den letzten zwei Minuten wird die Angriffszeit von 24 auf 15 Sekunden reduziert, wenn beide Teams fünf oder weniger Punkte auseinander liegen. So etwas?

Eine Vierpunktelinie?

Doppelte Punktzahl für jeden Korb des Heimteams, sollte Scarlett Johansson Courtside sitzen?

Oder führt das alles zu Zirkus-Basketball?

Das Basketball-Regelbuch neigt leider dazu, immer dicker zu werden, statt gelegentlich mal ein paar Seiten rauszureißen.

Sinnbildlich für übertriebene Regel-Mutationen steht für mich der „Einwurfpfeil“ in einer Sprungball-Situation. Warum soll ein Pfeil an der Seitenlinie entscheiden wer den Ball bekommt, anstatt das jedes Team einen Spieler auf dem Parkett für den Sprungball bestimmt? Es handelt sich allerdings eher um eine harmlose Regel-Mutation. Aber gelegentlich werden Dinge überflüssigerweise verkompliziert.

Zugegeben, es ist sicherlich nicht der „Einwurfpfeil“, der den Basketballsport daran hindert populärer zu werden.

Vermutlich sind es noch nicht mal die Regeln.

Es geht um ein Gefühl, eine Gewissheit, im weitesten Sinne sogar um Geborgenheit. Seit 1954 liefert einem der Fußball in regelmäßigen Abständen (nämlich dem WM-Zyklus) eine überaus wirksame Politur seiner gesellschaftlichen Wahrnehmung. Durch „Wir-sind-wieder-wer“ (1954), herzzerreißenden Dramen (Wembley-Tor 1966), Weltmeister im eigenen Land (1974) usw. usw. wird eine Sportart tief im Selbstbewusstsein einer Nation verankert. Passives Abseits hin oder her, wenn ein „Schweini“ sich in einem WM-Finale blutend über den Platz wälzt, ist jede Regelfrage unwichtig, jeder Fehlpass, jedes 0:0 vergessen.

Basketball bietet sich weitgehend nur über den Sport an, jeder Zuschauer muss mühsam eingefangen werden. Regionale Phänomene und lokale Zusammengehörigkeitsgefühle haben sich bereits allerorts gebildet (Freak City, Ulm, Bonn, Göttingen etc. etc.). Es fehlt noch die gesellschaftliche Durchdringung, die allerdings nicht zu erzwingen ist, sondern die sich aus den genannten gemeinsamen Erlebnissen und Dramen speist.

Allerdings sollten wir es den Willigen und Interessierten so einfach wie möglich machen, sich im Netz dieses wunderbaren Sports zu verfangen.