easyCredit BBL Turkish Airlines EuroCup NBA

Koch-Schule

4. November 2016

Basketball verstehen mit Stefan Koch: Ulms Verteidigung

Stefan Koch

Von Stefan Koch

Ab sofort analysiert Stefan Koch, Telekom-Basketball-Kommentator und zweimaliger BBL-Coach des Jahres (2000, 2005) Spielzüge und Begriffe aus der doch hin und wieder komplexen Welt des Basketballs. Heute: Die viel gescholtene Ulmer Defense unter Thorsten Leibenath. Coach Koch stellt fest: So schlecht ist die gar nicht...

„Ja, es nervt mich!“ Thorsten Leibenath hängt das Thema schon zum Halse heraus. Immer wieder wird seiner Mannschaft attestiert, dass sie defensiv schlecht sei. Zweifellos versprühen die Ulmer mit ihrer Verteidigungsarbeit nicht den Glanz, den ihre Offensive ausstrahlt, aber das Pauschalurteil ist falsch. Auch wenn Per Günther und seine Mitstreiter nachweisbare defensive Schwächen haben, so gibt es auch Dinge, die sie gut machen.

Der Ulmer Coach weiß, wo die unreflektierten Statements ihren Nährboden finden: „Wir bekommen manchmal viele Gegenpunkte. Dann gibt es Kritiker, für die absolute Zahlen ein Indikator für schlechte Verteidigung sind.“

Eine Variante, die der Deutsche Vizemeister im Laufe der vergangenen Spielzeit in sein Repertoire aufgenommen hat, ist das Switchen des Pick-and-Rolls. Wer die Playoffs verfolgt hat, wird sich erinnern, dass Leibenath dieses Mittel in allen drei Serien gegen Oldenburg, Frankfurt und Bamberg eingesetzt hat. Zur Erinnerung: Wenn in einer Block-Situation die Verteidiger den Gegenspieler wechseln, spricht man vom Switchen. Oft ergibt das die Situation, dass ein kleinerer gegen einen großen Gegenspieler - oder umgekehrt - verteidigen muss.

Eines der Probleme, das für Ulm beim Switchen entstehen kann, ist das Mismatch eines Innenspielers des Kontrahenten gegen Per Günther, der bekanntermaßen nicht zu den physischsten Guards der Liga zählt. Beim Spiel in Gießen entschied sich der ungeschlagene Tabellenzweite deshalb teilweise dazu, das Switch noch einmal zu switchen, um anstelle von Günther einen körperlich stärkeren Flügelspieler gegen den langen Mann der Hessen zu haben.

Anhand der folgenden Beispiele kann man die Mechanismen gut verständlich machen.

Szene 1: Ulm verzichtet auf den angesprochenen zweiten Switch. Justin Sears holt sich den Rebound gegen Günther und schlägt die Murmel ein:

5719 Switch the Switch: Beispiel 1 - kein Switch


Szene 2: Taylor Braun schickt Günther nach außen, nachdem Sears seine Post-Position gefunden hat, und Günther nimmt Cameron Wells auf, der ihn im Close-out attackiert:

5722 Switch the Switch: Beispiel 2 - Günther nach außen


Szene 3: Hier läuft es perfekt. Chris Babb switched schon ganz früh in der Abrollbewegung, so dass Günther überhaupt nicht mit Sears in den Post muss:

5725 Switch the Switch: Beispiel 3 - Babb switched früh in der Abrollbewegung


Ulm hat durchaus ausgeklügelte Konzepte in der Verteidigung – und nicht nur das. Als ich vor der Partie Gießen - Ulm mit Denis Wucherer sprach, war der 46ers-Coach voll des Lobes über die Ulmer Verteidigung: „Ich habe das Spiel in Krasnodar gesehen. Die defensive Intensität war sehr gut und bei den Close-outs hat man nur Sekundenbruchteile Zeit.“

Fazit: Ohne Defense holt man in der easyCredit BBL keine 14:0 Punkte. Dennoch erfreuen wir uns mehr an der Ulmer Offensive. Denn wie sagt Thorsten Leibenath so schön: „Basketball ist erfunden worden, um Körbe zu erzielen.“