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Körners Corner

24. November 2016

"Basketballer aller Länder, vereinigt Euch!"

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Über viele Jahre gab es keine Diskussion: Der beste Basketball der Welt wird in der NBA gespielt. Die stärkste Liga der Welt hat eine gewachsene Fankultur. Aber wäre es denn nicht an der Zeit, dass der deutsche NBA-Fan auch schaut, was für Basketball vor seiner Haustür gespielt wird?

Zum Einstieg direkt mal ein paar Beispiele von Aussagen, die ich absolut nicht nachvollziehen kann:

„Mixed Martial Arts ist fantastisch. Das wird der Renner!"

„Mein 27. Tattoo kommt an die Innenseite meines Oberschenkels!“

„Was findest du eigentlich an Scarlett Johansson?"

„Ich mag Basketball. Aber ich schaue nur NBA."

Interessanterweise gibt es manche Sportfans, die sich gerne Basketball anschauen, aber dann ausschließlich Spiele aus der NBA.

„Da wird viel besserer Basketball gespielt, alles andere ist doch nicht zum Anschauen.“

Das höre ich immer wieder. Es stimmt auch teilweise, aber anders als man meinen könnte.

Tatsächlich haben die Amerikaner ein unglaubliches Talent darin, Dinge gut aussehen zu lassen. Die imposanten Hallen, perfekte Technik, ausgezeichnete Ausleuchtung und dazu eine extrem aufwändige Produktion- und Übertragungstechnik lassen jedes noch so fade Basketballspiel im besten Licht erscheinen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Niveau eines NBA-Spiels ist allerdings nicht automatisch höher als im europäischen Basketball. Nach wie vor gibt es in der NBA deutlich mehr Eins-gegen-Eins-Aktionen und weniger Team-Basketball als in Europa. Wobei das für manchen Beobachter kein Leistungskriterium ist. Jedoch wirkt das teamorientierte Spiel kompletter, tiefer und entwicklungsfähiger. An der Spitze, und das bleibt unbestritten, hat die NBA eine Ausnahmestellung. Die allerbesten Basketballer der Welt sind dort zu Hause. LeBron James, Stephen Curry, Kevin Durant, James Harden, Russell Westbrook etc. bilden auch den Großteil der Heldenverehrung auf dem der Erfolg der NBA weltweit fußt.

Doch zunehmend nähern sich die Spielweisen zwischen beiden „Lagern“ an. Die Athletik in der easyCredit BBL hat zugenommen, das spielerische Talent entwickelt sich stetig. Taktisch wird in der  Euroleague auf höchstem Niveau gespielt, die Anzahl der Weltklassespieler dort wächst. Andererseits ist in der NBA Team-Basketball auf dem Vormarsch. Insbesondere da die erfolgreichen Teams wie Golden State (47 Assists gegen die Lakers!) oder San Antonio auf präziseste Abläufe im Mannschaftskollektiv achten.

In puncto Intensität sind Euroleague und BBL klar vorne. Nicht verwunderlich, die NBA hat 30 Teams und 82 Spieltage in der regulären Saison. Russell Westbrook ausgenommen, aber da spielt kein Hauptdarsteller jeden Abend mit 100% Zunder unterm Po.

Auch die Abbildung der Spiele in Deutschland und Europa hat sich deutlich verbessert. Es gibt z.B. strengere Vorschriften wie Hallen ausgeleuchtet sein müssen. TV-Produktionen setzen höhere Maßstäbe, die HD-Welt generiert an sich bereits schönere Bilder. 

Die ehemals so unterschiedlichen Basketball-Welten driften aufeinander zu und das auf allen Ebenen. Nie zuvor haben so viele Europäer in der besten Liga der Welt gespielt und auch für Spieler mit NBA-Erfahrung kann es lukrativ sein, in Europa zu spielen. Hochtalentierte Spieler entwickeln sich bei europäischen Topvereinen zu Leistungsträgern und erfüllen sich dann den NBA-Traum. Schnittmengen gibt es reichlich. Und sie werden größer.

Außer für manche Fans.

Tatsächlich zieht sich nach wie vor eine „Entweder-Oder“-Mauer durch Basketball-Country. Wobei sich die NBA-Fraktion deutlich gnadenloser vom Rest der Basketball-Welt abwendet als umgekehrt.  

Dabei ist es schade, wenn man dem modernen europäischen Basketball so gar keine Chance gibt, weil „die Bulls damals mit Jordan sind einfach unerreicht.“ Sportromantik in Ehren - ich bekenne mich schuldig in vielerlei Aspekten entsprechender Romantisierung – darf doch nicht den Blick auf die schönen Dinge der Gegenwart verstellen. Und den Teams derzeit in der Euroleague zuzuschauen, macht einfach richtig Freude.

Vermittelt denn die NBA immer noch diese besondere Gefühlsmischung aus Cool, Hip, Swag? Wird es in Europa unser Dauerproblem sein, dass man die gerade kursiv angeführten Wörter nicht so einfach in den hiesigen Sprachgebrauch übersetzen kann?

Oder frisst uns auch in der Sport-Emotion der aktuelle Anti-Globalisierungstrend die Leidenschaft weg? Istanbul, immerhin Heimstätte von vier Euroleague-Teams, ist derzeit das Gegenteil von Cool, Hip und Swag. Ist Russland zu weit weg und sind der FC Barcelona und Real Madrid nur Fußballvereine mit Basketballabteilung?

Zwei Dinge gilt es für die Verantwortlichen im Basketball-Universum in jedem Fall zu beachten, will man im weltweiten Vermarktungsrennen gegen andere populäre Sportarten nicht abgehängt werden:

  1. Es darf auf Dauer nicht die NBA gegen den Rest der Welt geben. Es ist ein Unding, dass es eine Sportart gibt, die nach unterschiedlichen Regeln gespielt wird, verschiedene Spielzeiten vorgibt und entscheidende Bewertungskriterien (z.B. Dreierlinie) mit anderen Maßen versieht. Eine Sportart braucht einheitliche Regeln. Erst recht, wenn es so komplexe Regeln sind wie beim Basketball.
  2. Der europäische Vereinsbasketball braucht so schnell wie möglich eine nachvollziehbare, einheitliche Wettbewerbsstruktur. Die Konkurrenz zwischen Euroleague und FIBA mit vier (!) unterschiedlichen Wettbewerben ist eine Farce, die den Fan verwirrt und verscheucht. Die besten Teams Europas spielen einen aus, aber die sportlichen Qualifikationsmöglichkeiten müssen als exemplarischer Bestandteil europäischer Sportkultur erhalten bleiben. 

Wenn es selbst dem einzig wahren Hallensport nicht gelingt, alle Fans unter einen Hut zu bringen, dann läuft irgendwas gehörig falsch. Es ist jedem Fan selbstverständlich freigestellt ob er nur die NBA schauen möchte oder nicht. Aber es ist auch ein seltsames Phänomen.