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Meinung

14. Februar 2017

Darum muss der Trainer raus!

Jörg Dierkes

Von Jörg Dierkes

…also, ich habe Bluthochdruck. Das bedeutet ich sollte meine Gefühle nicht aufstauen. Wut, Ärger, Freude und Mitgefühl müssen raus, möglichst rasch. Weniger Kaffee und Abnehmen helfen auch, ich weiß. Bin dabei!

Aber trotzdem, Achtung! Es folgt Meinung!  

Gott, wie langweilig die easycredit Basketballbundesliga zwischenzeitlich geworden ist. Aber jetzt ist ja endlich wieder was passiert.

Endlich ist es soweit! Endlich werden wieder Coaches vor die Tür gesetzt! Misserfolg, verfehlte Ziele, Abstiegsangst, irgendwann sind die Herren halt nicht mehr zu halten! Das berühmte schwächste Glied in der Kette muss ausgewechselt werden. Es sollen doch neue Impulse gesetzt werden! Die alten Übungsleiter erreichen doch offenkundig nicht mehr ihre Mannschaft! Abnutzungserscheinungen sind deutlich spürbar!

Es ist passiert, wir haben endlich die zweite Trainerentlassung der Saison.

Da kann sich der Basketball in Deutschland mal eine dicke Scheibe von König Fußball abschneiden. Die Kicker haben in der laufenden Saison schon 7 ihrer Übungsleiter vor die Tür gesetzt! Damit haben sie wochenlang Schlagzeilen produziert und sich im Gespräch gehalten.


Bild aus besseren Zeiten: Vechta-Ex-Coach Andreas Wagner


Und der Basketball? Zwei! Wie jämmerlich!

Doug Spradley raus, Dirk Bauermann rein. Andreas Wagner beurlaubt, Doug Spradley rein. ….Das war’s! Mehr nicht!

Hey ihr Vereinsfürsten, ihr Sportmanager und Geschäftsführer wo ist denn bitte euer Engagement?

Früher hauten auch mal Mäzene auf den Tisch und wenn ihnen die Nase eines Coaches nicht passte, sagten sie mehr oder weniger unverhohlen; entweder der oder mein Geld!

Die gibt es wohl auch nicht mehr?

Was also ist der Grund, weswegen die Coaches in der easycredit Basketballbundesliga scheinbar Narrenfreiheit haben? Gibt es keine anderen für den Job? Hat sonst keiner Ahnung? Sind ihre Verträge mittlerweile so hoch dotiert, dass es die Vereine in den Ruin treiben würde, wenn sie vor Vertragsende das leitende Personal feuern?

Oder sollte der eigentliche Grund sein, dass es schlichtweg keinen Grund gibt den eigenen Coach in die Wüste zu schicken?


Von Würzburg nach Vechta: Doug Spradley
 

Machen wir eine Bestandsaufnahme.

Die erste rühmliche Trainerentlassung war ja nun mal bei s.Oliver Würzburg. Und das hat sich der geschasste Coach quasi selbst eingebrockt. In der vorherigen Saison war Würzburg Aufsteiger und hat sensationell die Playoffs erreicht. Das schürt Erwartungen. Dorthin, nämlich irgendwo unter die ersten Acht, wollten sie auch in dieser Spielzeit. Sie haben viele Spieler der Vorsaison halten können und sich dann punktuell verstärkt. Dachten sie. Es kam anders. Erst der Spielplan, der direkt am Anfang die dicken Brocken vorsah, dann Verletzungspech und abwanderungswillige Spieler sorgten für schlechte Stimmung im Team, bei den Fans und letztlich bei denen am längeren Hebel. Konsequenz? Alles Gute Doug Spradley und Willkommen Dirk Bauermann. Der hat zwar auch noch nichts gewonnen seitdem er verantwortlich ist, aber das Team muss ja auch erst seine Philosophie verstehen.

Dass Bauermann weiß, wie es geht, hat er vor zwei Wochen bewiesen. Verspricht allen Freibier! Der Fuchs! Im Heimspiel gegen München!

Der Mann war ne Ewigkeit Trainer in Leverkusen. Der kennt die Tricks aus dem Karneval. Einfach in eine volle Kneipe rennen und bestellen: „Zehn Bier auf mir!“ Es gibt nämlich immer einen Besserwisser der dann ruft: „Auf mich!“


Noch ohne Sieg mit Würzburg: Dirk Bauermann

Allerdings, nach den nicht überraschenden Niederlagen gegen Bamberg und München folgt jetzt noch eine gegen Tübingen. Damit ist Würzburg wieder nah dran, an der Abstiegszone. Das hat auch Dirk Bauermann erkannt. Seine Spieler noch nicht. Er wird es ihnen erklären!

In Vechta haben sie sich ja lange geziert. Aber 14 Niederlagen in Serie und überhaupt nur ein einziger Sieg gegen Frankfurt, damit sind sie auf Platz 17. Erfolglos wie einst Tasmania Berlin im Fußball. Sie verlieren brav jede Woche und verteilen die Punkte. Der alte Coach schien trotzdem fest im Sattel zu sitzen. Andreas Wagner ist der Held des Aufstieges. Und mit Heldensagen kennen sie sich aus im hohen Norden. Jetzt ist er vom strahlenden Helden zum tragischen Helden mutiert, aber Held bleibt Held! Sie haben ihm lange die Treue gehalten. Vielleicht ja zu lange.
 

Jörg Dierkes

Warum aber erscheint eine Trainerentlassung beim Basketball immer so sehr wie ein Verzweiflungsakt?

Jedenfalls hat für ihn jetzt Doug Spradley, jener entlassene Trainer aus dem Frankenland übernommen. Doch wieso er? Haben die Verantwortlichen der Rastas etwa das falsche Kraut geraucht. Der wäre doch schon beinahe mit Würzburg den Main runter?

Immerhin macht der erste Auftritt unter seiner Ägide Mut. Vechta zeigt sich nicht mehr benebelt, sondern mit Biss und Kämpferherz. Gegen Bonn hat es (noch) nicht gereicht. Am Ende die alten Fehler beim Tabellenletzten; Ballverluste und schlechte Wurfauswahl. Wunder wirken die neuen Coaches also auch nicht, siehe Dirk Bauermann.

Warum aber erscheint eine Trainerentlassung beim Basketball immer so sehr wie ein Verzweiflungsakt?

In Berlin roch es eine Zeit lang auch nach Wende auf der Trainerbank. Anfänglich schwer in Tritt gekommen, spielen sie einen ganz anderen Basketball als in den letzten Jahren. Und Ups, plötzlich spielen sie auch erfolgreich. Zehn Siege in Folge! Dann mussten sie nach Bonn und es kamen die Bayern. Trotzdem hat sich die Hauptstadt mit Ahmet Caki offenbar arrangiert.

Frankfurt dümpelt im Mittelfeld herum. Aber ehrlich, wer hat nach dem Aderlass an talentierten Spielern vor Saisonbeginn nicht damit gerechnet, dass sie eine schwere Spielzeit am Main haben werden? Außerdem war der Chef lange krank. Gordon Herbert entlassen? Das macht man nicht.

Bremerhaven ist stark gestartet und hat dann stark nachgelassen. Aber sie sind nicht wirklich in Gefahr und außerdem hat der Coach doch den Legenden Dreier Shootout beim Allstarday gewonnen. Sebastian Machowski muss es also können!

Braunschweig hat das erste Saisonspiel gewonnen und dann langen Hafer bekommen. Der Chefcoach hat stets gesagt, dass er erst gegen Weihnachten das Team soweit hat. Tatsächlich hat Frank Menz bis dahin Zeit bekommen. Unfassbar! Und er hat Recht behalten. Seit Weihnachten gewinnen die Löwen oder jagen den Gegnern zumindest Angst ein. Gut gebrüllt, der Trainer ist save.

Und Tübingen? Nun ja, hier soll es angeblich schon ziemlich knirschen im Gebälk. Aber noch ist der Retter der Vorsaison in Amt und Würden, dazu die jüngsten Siege über Vechta im Kellerduell und gegen die Bauermänner. 4 Siege Vorsprung auf einen Abstiegsrang. Tyron McCoy sollte von der Abschussliste gestrichen sein. Mal abwarten.


Partycrasher für Dirk Bauermanns ersten Sieg: Tyrone McCoys Tübinger

…und dann, heimlich, still und leise gibt es doch noch einen Trainerabgang. Sozusagen unbemerkt und trotzdem bemerkenswert. Der Chef, der am längsten bei einem Verein war, hat abgedankt. Wobei „abgewunken“ es wohl irgendwie eher trifft. Neun Jahre lang hat er den Feuervögeln das Eierlegen beigebracht. Hat sie in die erste Liga geführt, hat sensationell die Play Offs mit ihnen erreicht und hat einen ganz eigenen, spektakulären und letztlich auch erfolgreichen Spielstil etabliert. Er hat alle Jahre wieder einen winzig kleinen Etat gehabt und trotzdem dem Abstiegsgespenst meistens ne Nase gedreht. Apropos, manche behaupten gar, sein Profil habe Pate bei der Gestaltung des Maskottchens gestanden. Bestimmt nur ein Gerücht.

Ja, die Rede ist von Ingo Freyer. Er wird definitiv für einen möglichen Neuaufbau in der Pro A für Phoenix Hagen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Womit wir bei Platz 18 wären. Dort stehen die implodierten Hagener. Aus der Wertung genommen.

Und sie sind schuld!

Jede Woche ein Spiel weniger! Sie hatten nur Niederlagen auf dem Konto, aber bevor sie den Trainer feuern konnten, waren die Feuervögel selbst nur noch Asche! Und wegen Hagen gibt es nur einen, statt zwei Absteiger und somit eine Sorge weniger für 16 andere Manager, Sportdirektoren oder Vereinsfürsten. Und einen Grund weniger den Coach von der Bank zu verjagen.

Der 17. und momentan einzige sportliche Absteiger, das ist Vechta; seit Wochen festzementiert.

Aber man male sich doch mal dieses Szenario aus. Würzburg kriegt die Kurve nicht, rutscht immer weiter ins Dilemma. Vechta dagegen blüht der Frühling und robbt sich rann. Schließt in den verbleibenden elf Spieltagen die Lücke zu den Mainfranken und gibt die rote Laterne an sie ab.

Dann stehen wir alle ziemlich doof da. Denn welche Lehre sollte man daraus ziehen? Dann wäre ein Verein TROTZ Trainerwechsels abgestiegen und ein anderer Verein hätte WEGEN des Trainerwechsels die Klasse gehalten.

Vielleicht wäre die Lehre ja diese: Augen auf bei der Trainerwahl und dann zu ihm und der eigenen Entscheidung stehen!

Für mich klingt das zwar langweilig, aber sehr sympathisch!