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Körners Corner

24. Februar 2017

Das Geständnis eines Sportreporters

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Man kann eigentlich fragen wen man will. Über die Bahn hat jeder was zu meckern. Das Auto bleibt des Deutschen liebstes Fortbewegungsmittel. Doch dem gemeinen Bahn-Bashing zum Trotze, fährt ein Telekom Basketball Reporter unbeirrt mit dem Zug durch unser Land. Michael Körner outet sich.

Ich sitze gerade im Zug nach Bremerhaven. Mein Spiel heute (Freitag, 24.02.) ist Eisbären Bremerhaven gegen BG Göttingen. (LIVE bei Telekom Basketball ab 18:45 Uhr)

„Du fährst mit dem Zug nach Bremerhaven?“ In der Tat musste ich zuletzt diverse Male in den Rechtfertigungsmodus schalten. Es ist ungewöhnlich, mit dem Zug nach Bremerhaven zu fahren. Wenn man in München losfährt.
Ich mag aber Zugfahren. Das geht auf meine Zeit bei der Bundeswehr zurück. Ich war in der Nähe von Hamburg stationiert, meine Heimatbasis war allerdings Hagen. So kam es immer wieder vor, dass zwei meiner Stubenkollegen und ich mittwochs nach Dienstschluss (16 Uhr) nicht weiter aufs Wochenende warten wollten und zum Bahnhof liefen, um mit dem Zug gen Heimat zu fahren. Ankunft in den Armen der Freundin gegen 21 Uhr. Rückfahrt mit dem Nachtzug 23:30 Uhr. Dienstbeginn 6 Uhr: Kompanie stillgestanden. Zug war zu allererst der Weg nach Hause.

Im Laufe der Jahre bin ich gefühlt zehn Mal zum Mond und zurück mit dem Zug gefahren. Und ich verteidige die Deutsche Bahn so gut es geht, immer. Denn der Deutsche nörgelt bekanntlich sehr gerne, speziell über die Bahn. Ich habe Menschen beobachtet, die am Bahnsteig bereits die Augen verdrehen, wenn ein kleines Knistern über den Lautsprecher eine Durchsage ankündigt. VOR DER DURCHSAGE! AUGEN VERDREHT!

Und wehe, der Zug hat zehn Minuten Verspätung. Da wird mit Zeter und Mordio im laut vernehmbaren Selbstgespräch die „Scheißbahn“ in die Hölle gewünscht. Pflicht sind Ausrufe wie „Typisch Bahn!“, „Wie immer, wie immer!“, natürlich begleitet von missmutigem Kopfschütteln und - GANZ WICHTIG - dem süffisanten Lächeln des soeben Hintergangenen, Betrogenen, in jedem Fall völlig Unschuldigen. Die Gründe für die Verspätung sind dem Meckerkopf egal. Unendlich tragische Personenunfälle, tonnenweise geklaute Kupferkabel, Luftballons in der Oberleitung. Egal. Verspätung!!! Frechheit!!!

Die gleichen Menschen lassen aber völlig gleichgültig jeden noch so nervigen Stau auf Autobahnen über sich ergehen. Da gibt es ja niemanden, den man blöd anmachen könnte. Obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass sich im Email-Postfach von Verkehrsminister Dobrindt Beschwerden über Autobahn-Baustellen häufen. Einfach so. Deutschland Meckerland.

Ich fahre also gerne Zug. Es würde mir natürlich extrem leicht fallen, jetzt den großen CO₂-Wohltäter rauszukehren, den vergeistigten Slowtraveller, der sich langsamer als der böse Flugreisende dem Ziel nähert. Aber dem ist gar nicht so. Tatsächlich kann ein Zug auch ein guter Rückzugsort sein. Wichtig ist dabei natürlich die technisch adäquate Grundausstattung. Unverzichtbar ist ein Kopfhörer mit Noise Cancelling. Denn wenn wir eins nicht wollen, dann ein Hintergrundrauschen bestehend aus Lauttelefonierern, Dauerquatschern und Quengelkindern. Zudem schützen uns Kopfhörer vor dem Super-GAU einer Zugfahrt: Dem aufgedrängten Gespräch. Wenn der gelangweilte Sitznachbar, beginnend mit einem flüchtig hingeworfenen Blick, einer sich anschließenden harmlosen Gesichtsmimikakrobatik Kontaktbereitschaft signalisiert, ist höchste Alarmbereitschaft angesagt. Es sein denn, sie sind daran interessiert innerhalb der nächsten zwei Stunden die letzten 49 Jahre ihres Lebens einem völlig Unbekannten anzuvertrauen. Natürlich mache ich Ausnahmen. Die schwedische Erasmusstudentin, mit dem angedeuteten Scarlett Johansson Grübchen, braucht vermutlich Orientierungshilfe bei ihrer Deutschlandtour. Und ich habe auch schon mal einem unbegleiteten Flüchtling mein Wasser angeboten. Er hat abgelehnt.

Ansonsten gilt meine Aufmerksamkeit nur dem 1.4kg Organ zwischen meinen Ohren. Gedanken sortieren, lesen, Notizen machen. Und sich dem großen Grundthema meines Berufes widmen: Informationen sammeln. Der gelegentliche Blick aus dem Fenster verrät, Deutschland ist schön, aber die 100 Meter links und rechts der Bahnstrecke haben schon eine gewisse Ähnlichkeit, egal wo es gerade langgeht.

 

Ludwigsburg? Ein Traum!

Nun zu einem großen Vorteil der Zugreise als Basketball-Reporter: Die Hallen sind oftmals in Bahnhofsnähe gelegen. Berlin, Ostbahnhof. Ulm, Bahnhof Neu-Ulm. Oldenburg, einmal über die Straße. Bayreuth: Zweimal links, ist eine Abkürzung. Und das Highlight: Ludwigsburg! Da ist die Halle näher am Bahnhof als in Göttingen das ICE-Hotel.

Hier noch die typischen Antworten von Taxifahrern, wenn man vor Ort doch noch ein paar Meter zurücklegen muss:

Bamberg: „Ich möchte zur Brose Arena!“ – „Was gibt’s da heute?“ – „Basketball.“ – „Ja, das ist schon klar. Gegen wen? CSKA, Panathinaikos, Kaunas (es folgt die Aufzählung der kompletten Euroleague)?“

Würzburg: „Ich möchte zur s.oliver Arena!“ - „Wollen sie zu den Kickers, die spielen gegenüber?“ – „Nein, ich möchte in die s.oliver Arena.“ - „Sind sie etwa FV-Fan?“ – „Nein, ich bin kein Fußball-Fan. Zumindest nicht von einem Würzburger Verein.“ - „Ich bin FV-Fan, da können die 6. Liga spielen, mir egal.“ - „Gehen sie doch mal zum Basketball.“ -  „Wo gibt´s das?“

Bremerhaven: „Ich möchte zur Sporthalle.“ – „Eishockey oder Basketball?“ - „Basketball.“ – „Ich geh lieber zum Eishockey“ – „Ich geh lieber zum Basketball.“ - „Ja, so hat jeder seins.“ Schweigen.

Und sollten sie mal zum Basketball nach München fahren, fragen sie niemals nach dem Audi Dome. Der Münchener schickt sie eventuell nach Ingolstadt. Rudi-Sedlmayer-Halle. S-Bahn Heimeranplatz.

Gute Fahrt.