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Koch-Schule

22. Dezember 2016

Die Rolle der Bankspieler – von Bob bis Marcos Knight

Von Stefan Koch

Am Samstag war ich in Göttingen, um die Partie der BG gegen Science City Jena zu kommentieren. Der Topscorer der Liga, Marcos Knight, stand nicht etwa in der Startformation, sondern kam von der Bank. Längst hat sich im Basketball die Erkenntnis durchgesetzt, dass es sehr viel wichtiger ist, wer das Spiel beendet, als wer es beginnt. Bei CSKA Moskau, der besten Vereinsmannschaft Europas, findet sich Milos Teodosic zunächst in der Rolle des Zuschauers wieder. Wir sprechen hier von dem Spieler, der laut einer Umfrage unter NBA-Managern der beste Europäer außerhalb der Association ist.

Welche Gedanken wälzen Coaches, wenn sie darüber sinnieren, wie sie Start- und Bankformation am besten gestalten? Natürlich sind sie darauf bedacht, den Level auf dem Feld auf einem konstant guten Niveau zu sichern. Deshalb müssen nicht automatisch die fünf besten Akteure starten. Spieler mit viel Scoring-Potenzial können in einer Rolle von der Bank gewährleisten, das auch die zweiten Fünf offensiv produzieren. Die „Mikrowelle“ Vinnie Johnson übernahm Ende der achtziger Jahre bei den Detroit Pistons diese Funktion. Ähnlich dürfte Björn Harmsen die Rolle von Marcos Knight definiert haben, als er sich entschied, den Aufsteiger der Saison von der Bank zu bringen.

Sehr oft haben Spieler von der Bank auch die Aufgabe, Energie und Verteidigung zu liefern. Hier findet man dann nicht nur einzelne Akteure, die das übernehmen sollen, sondern komplette „bench units“, die zu ihrer Charakterisierung Bezeichnungen wie „die Kavallerie“ oder die „Energizer Bunnies“ tragen.

Noch einmal zurück zu CSKA Moskau, wo es schon einmal die Situation gab, dass ein absolut überragender Guard die Begegnungen nicht begonnen hat. Theo Papaloukas war der Kopf der Mannschaft, die 2006 und 2008 die Euroleague gewann. Der griechische Spielmacher saß unter Ettore Messina zunächst auf der Bank und verfolgte das Spiel mit höchster Aufmerksamkeit. Dabei erinnerte er bisweilen an einen Tiger im Käfig. Aber Papaloukas saugte das Geschehen auf dem Feld auf, bewertete was gut und was schlecht war und nahm dann, als er das Parkett betrat, die entsprechenden Anpassungen zum Wohle seiner Mannschaft vor. 

Um eine solche Rolle zu akzeptieren, muss ein Spieler bereit sein, dass „Wir“ vor das „Ich“ zu setzen. Papaloukas erfüllte seine Aufgabe nahezu perfekt, was ihm als erstem Nicht-Starter die Auszeichnung des Euroleague-MVP einbrachte.

Es ist eine sehr grundsätzliche Frage, wie ein Coach mit dem Thema seiner Anfangsformation umgeht. Manche Trainer verändern die ersten Fünf häufig. Zum Teil geschieht dies aus taktischen Gründen, weil sie auf die Stärken und Schwächen des Gegners reagieren möchten. Andererseits steht aber auch eine psychologische Ausrichtung dahinter: Kein Spieler soll sich zu sicher fühlen. Dadurch soll eine permanente, wache Leistungsbereitschaft gefördert werden.

Der Gegenentwurf dazu propagiert Berechenbarkeit und Sicherheit als Grundlagen von Leistung und Vertrauen. Eine Unberechenbarkeit des Umfeldes aktiviert die Gefahrensensoren und kann auch die Lernfähigkeit mindern. Entsprechend können junge Spieler in ihrer Entwicklung von einer klaren Rolle - wie zum Beispiel Daniel Theis im Bamberg - profitieren.

Abschließend noch eine zum Thema passende Anekdote von Bob Knight, dem legendären Coach der Indiana University. Als Knight Anfang der sechziger Jahre Spieler bei Ohio State war, kam er von der Bank und spielte in einer Partie eine besonders tolle erste Halbzeit. Der Youngster war total enttäuscht, als er in der Halbzeitbesprechung erfuhr, dass er trotz dieser starken Leistung auch nach der Pause zunächst auf der Bank Platz nehmen musste. Dieses Erlebnis führte dazu, dass der Coach Knight immer einem Bankspieler für die zweite Halbzeit den Vorzug gab, wenn er in den ersten 20 Minuten besser als der Starter agiert hatte.