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Koch-Schule

4. April 2017

Drama pur – Wenn Einwurfspiele die Entscheidung bringen!

Stefan Koch

Von Stefan Koch

Ein knappes Spiel, eine Auszeit kurz vor Schluss, die ballbesitzende Mannschaft kann mit dem letzten Wurf die Partie gewinnen oder in die Verlängerung schicken. Die verbleibende Zeit ist aber so knapp bemessen, dass man im Prinzip direkt aus dem Einwurf eine Option generieren muss. Die Nerven der Spieler, Coaches und Zuschauer sind gespannt wie Drahtseile. Das ist eine dieser Situationen, von denen der einzig wahre Hallensport lebt.

Alle Mannschaften haben sogenannte Inbounds Plays, Einwurfsysteme von der Grund- und Seitenlinie, die sie im Training einstudieren und im Spiel umsetzen. Wer es schafft, in einer Partie viele Punkte aus solchen Situation zu erzielen, kann sich einen wertvollen Vorteil verschaffen.

Wenn es aber in den letzten Sekunden einer Begegnung ans Eingemachte geht, bitten die Coaches ihr spielendes Personal gerne zur Auszeit und malen den letzten Spielzug auf ihr Taktikboard. Das kann noch einmal eine Erinnerung für die Spieler oder auch eine komplett neue Variante sein. Die Auszeit wird aber natürlich auch genommen, weil das aktuelle Regelwerk es erlaubt, nach Auszeiten im Vorderfeld einzuwerfen. So kommt man in eine bessere Position, ohne den Ball bewegt haben zu müssen. Die Leser, die meinen puristischen Ansatz kennen, dürften erahnen, dass mir diese Regel nicht zusagt.

"The Shot"
Das nach Meinung der meisten Experten und Fans beste College-Spiel aller Zeiten zwischen Duke und Kentucky im NCAA-Tournament 1992 wurde nach einem Einwurf von der eigenen Grundlinie 2,1 Sekunden vor Schluss durch „The Shot“ von Christian Laettner entschieden. Drama pur!

Raoul Korners Herkules-Aufgabe
Die drei folgenden Beispiele aus der laufenden BBL-Saison sind jeweils Seiteneinwürfe nach Auszeiten. Wir beginnen in Bayreuth mit dem vielbeachteten Gamewinner von De’Mon Brooks. 0,9 Sekunden sind eine Herkules-Aufgabe, die die Gastgeber auch dank der freundlichen Unterstützung von Barry Stewart bewältigen. Wie nicht anders zu erwarten, setzt Raoul Korner auf einen Backpick, um nah an den Ring zu kommen. Dass Brooks nicht versucht, den Pass direkt zu verwerten, sondern die Ruhe hat, in weniger als einer Sekunde erfolgreich zu fangen und zu werfen, ist absolut bemerkenswert.

8719 De'Mon Brooks in 0,9

Déjà-vu für Tübingen
Die armen Tübinger hatten zuvor schon ein vergleichbares Negativerlebnis bei ihrer Heimpartie gegen Frankfurt, als A.J. English mit 1,5 Sekunden beim Einwurf die Rolle des Spielverderbers übernahm. Der Anfang des Frankfurter Plays ist fast schon Standard, bei dessen Fortsetzung English über einen Block von Shavon Shields an der Grundlinie gekommen wäre. Stattdessen aber schickt Gordie Herbert den Power Forward nach außen, und der als Clutch Player nachverpflichtete Guard kommt über einen Screen von Mike Morrison und trifft den entscheidenden Wurf.

8717 Szene 2: English mitten ins Tübinger Herz


Pokalfinale: Spannend bis zur letzten Sekunde
Ebenfalls sehr gut konzipiert und ausgeführt war der letzte Wurf der Bayern im Pokalfinale. Sasa Djordjevic setzt gleich zwei Mal das Prinzip Screen the Screener ein. Maxi Kleber blockt für Nick Johnson und erhält dann den Pick zum Korb von Bryce Taylor, der danach als bester Distanzwerfer der Münchner über Danilo Barthel geht und einen guten Look bekommt, das Glück beim Abschluss aber nicht auf seiner Seite hat .Obwohl mit sechs Sekunden noch vergleichsweise viel Zeit auf der Uhr ist, entscheiden sich die Bayern richtigerweise für den sofortigen Wurf. Denn die Wahrscheinlichkeit, einen besseren Dreier (der wäre nötig gewesen zum Ausgleich) später zu bekommen, ist äußerst gering. Zudem sichert man sich mit dem schnellen Abschluss eine Chance auf einen weiteren Wurf nach einem möglichen Offensiv-Rebound.

8714 Szene 3: Entscheidung um den Pokal in letzter Sekunde