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Euroleague

Andrea Trinchieri und sein Team: Balanceakt Euroleague und Beko BBL

ERST PIRÄUS, DANN GÖTTINGEN: BAMBERG ZWISCHEN DEN WELTEN

Alexander Dechant

Von Alexander Dechant
@alex_thinxpool

Bei 15 Siegen aus 17 Spielen schwebten die Brose Baskets in der Hinrunde in eigenen Sphären, zumindest im nationalen Wettbewerb. Der aber läuft nur so nebenher, denn: die wirklichen Herausforderungen warten aktuell in der Euroleague. Hier feierte Bamberg jüngst den ersten Top16-Sieg seiner Vereinsgeschichte, hier wartet Freitag Olympiacos Piräus. Auswärtsspiel bei einer der besten Mannschaften Europas; in einem mehr als 14.000 Zuschauer fassenden Hexenkessel. Zwei Tage bleiben dem Team dann, um sich auf das Heimspiel gegen Göttingen vorzubereiten. In eigener Halle, vor den eigenen Fans. Nichts Neues, kein Grund zur Sorge.

AUTOR JANNES SCHÄFER

Ende Oktober, Bamberg. Gerade haben die Brose Baskets in eigener Halle Darussafaka Istanbul geschlagen, ein glücklicher Darius Miller tritt zum Post-Game-Interview vor Frank Buschmanns Mikro. Auf den Unterschied zwischen nationalem und internationalem Wettbewerb angesprochen, weiß der US-Amerikaner gar nicht, wo er anfangen soll. Eine kurze Denkpause, die Verlegenheit lacht er weg. Vor der Kamera darf er nicht respektlos wirken. „Es ist ein großer Unterschied“, räumt er dann vorsichtig ein. „[Die Euroleague ist] viel physischer, die Teams sind deutlich erfahrener. Sie haben einen Plan und ziehen ihn ohne Kompromisse durch. Jeder Korb zählt.“ Und der Mann hat immerhin gut 100 Spiele für die New Orleans Pelicans gemacht. In der NBA, der besten Liga der Welt. Buschi hakt nach, trifft den Nagel auf den Kopf: „Macht es mehr Spaß?“ Gemeint ist die Euroleague im Vergleich zur BBL. Miller weicht einer polarisierenden Antwort wie dieser aus, aber es lässt sich erahnen, was er denkt … Ja!

Und wer kann es ihm verübeln. Für einen Sportler muss es darum gehen, sich mit den Besten zu messen. Alles darunter ist Zubrot, eine willkommene Alternative, aber eben nur Plan B. Gerade mit Blick auf die Runde der besten 16 bietet die Euroleague die unumstritten beste Plattform für Spitzenbasketball außerhalb der NBA. Qualität in der Breite wie Spitze. Zwar gibt es auch in der BBL einige Teams von europäischem Format, mit keinem davon aber hatte Bamberg in der Hinrunde ernsthafte Probleme.

Was zu diesem frühen Zeitpunkt nach dem Darussafaka-Spiel bereits abzusehen war, darüber herrscht heute Gewissheit: Der deutsche Meister bewegt sich Woche für Woche zwischen konträren Welten – Euroleague hier, BBL da.

Wie vergangenes Wochenende, in Bamberg: Dem ersten, historischen, Top-16-Sieg der Vereinsgeschichte am Freitag folgte am Samstag der erste Sieg eines deutschen Auswahlteams, dem Team National, beim ALLSTAR Day. Irgendwie auch historisch.

Zwei grundverschiedene Spiele – bei beiden kamen die Fans voll auf ihre Kosten - sportlich wie unterhaltungstechnisch.

Die Spieler? Not so much. Denn für die Bamberger waren es extrem lange 24 Stunden: Zuerst Kaunas auf höchstem Wettkampfniveau, Adrenalin am Limit. Auf eine sehr kurze Pause folgt wenige Stunden danach: Autogrammmarathon, Dreier- und Dunk-Contest, ein 40-minütiges Show-Match.

Mehr Pflicht als Kür. Brad Wanamaker, Darius Miller, Daniel Theis und Patrick Heckmann standen also innerhalb eines Tages gleich zwei Mal auf dem Parkett. Head Coach Andrea Trinchieri an der Seitenlinie. Am Freitag ging es um alles, am Samstag um … nichts?

Genau das ist diese Ambivalenz, in der sich Bambergs bisheriger Saisonverlauf ausdrückt.

Freitag: Euroleague. Hier sind die Brose Baskets gefordert – in engen, teils bitteren Niederlagen (Real Madrid!) auf der einen und überschwänglich gefeierten, weil hart erarbeiteten Siegen auf der anderen Seite. Hier beweisen sie Woche für Woche internationales Format. Zwei, drei Tage später treten sie dann an gegen die Crailsheims und Hagens dieser Liga – und putzen ihre nominellen Kontrahenten mit 30 bis 40 Punkten Vorsprung aus der Halle.

Diesen Freitag wartet Olympiacos Piräus: Vassilis Spanoulis, Daniel Hackett, Othello Hunter … Kräftemessen mit Europas Elite.

Am Sonntag - die BG Göttingen in Bamberg: Khalid El-Amin, David Godbold, Dominik Spohr … Je nach Tagesform oft auch nicht mehr als ein Schaulaufen der Brose Baskets.

Das wirkt despektierlich, so ist es nicht gemeint. Aber die Unterforderung im Ligabetrieb wird doch immer wieder augenscheinlich: Mit 17 Punkten Vorsprung gewinnt Bamberg seine Spiele im Schnitt – weil Trinchieri in der Liga einen strukturierten, eher langsamen Basketball spielen lässt, ist der tatsächliche Vorsprung gegenüber der Konkurrenz eigentlich noch größer. Und das trotz Doppelbelastung und einem vermeintlichen Fokus auf den Euroleague-Spielen. Die BBL läuft eher nebenher.

Sicher, auch die Franken gerieten im Ligabetrieb schon ins Hintertreffen: In Gießen verlor Bamberg mit einem, in Frankfurt mit zwei Punkten Differenz. Das Gießen-Spiel allerdings folgte drei Tage auf den 44-Punkte-Erfolg über Crailsheim. Das Frankfurt-Spiel nur 44 Stunden auf einen überzeugenden Sieg gegen Sassari. Auf Sardinien. Da Gießen und Frankfurt an beiden Tagen sehr guten Basketball spielten, waren ihre Siege verdient. Letztlich können an sehr guten Tagen einige Teams den Meister schlagen … Wenn Bamberg selbst einen schlechten Tag erwischt.

Dass es mitunter schwierig ist, die Konzentration hochzuhalten – erst recht bei den Reisestrapazen des europäischen Wettbewerbs – sollte bei einer komplexen Einordnung aber zumindest in Betracht gezogen werden.

Letztlich sind diese Niederlagen aber ohnehin bedeutungslos. Für die meisten Teams der Liga zählt jeder Punkt, jeder Sieg – für die Top-Mannschaften gilt diese Regel nur mit Abstrichen. Denn es ist egal, ob Bamberg keins, drei oder sieben Spiele verliert. In die Playoffs werden sie kommen. Und da zählt alles Vorherige allenfalls am Seeding-Rande: Heimvorteil spielt eine Rolle, schlagen müssen sie aber ohnehin jeden.

Vassilis Spanoulis bezeichnete Trinchieri als einen der drei komplettesten Basketballer Europas; Olympiacos Piräus hat in der aktuellen Euroleague-Saison genau zwei Spiele verloren. Das sind die Spieler, mit denen Miller und Co. sich messen wollen. Gegen diese Kaliber zu bestehen, ist eine sehr viel attraktivere Herausforderung.

Wenn Göttingen zwei Tage später in die brose Arena kommt, droht es hingegen, wieder deutlich zu werden: Seit knapp zwei Jahren haben die Baskets hier kein Hauptrundenspiel mehr verloren. Jede Serie reißt irgendwann, klar. Göttingen drängt sich aber nicht unbedingt in die David-Rolle.

Wie soll Khalid El-Amin seinen geschundenen Körper vor dem zehn Jahre jüngeren Brad Wanamaker halten? Oder auch jedem anderen Bamberger Backcourt-Spieler? Harper Kamp gehört ligaweit zu den besten Ballhandlern auf den großen Positionen, wird mit Nicolo Melli und Daniel Theis aber gerade defensiv alle Hände voll zu tun haben.

Nein, wahrscheinlich werden die Bamberger auch dieses Ligaspiel für sich entscheiden. Wie schon 15 der 17 Partien in der Hinrunde zuvor.

Aber davor geht es am Freitag in der Euroleague gegen Piräus. Sicher ist dort nur eines: Coach Sfairopoulos wird auch bei einem Sieg der Bamberger seinen Job behalten. Drei Euroleague-Coaches haben die Baskets zumindest indirekt auf dem Gewissen: Bei Kaunas’ Gintaras Krapikas folgte die Entlassung unmittelbar auf die Niederlage in Bamberg, Tel Avivs Guy Goodes und Sassaris Romeo Sacchetti mussten nach dem jeweils nächsten Ligaspiel den Hut nehmen.

In der BBL hingegen werden Niederlagen gegen Bamberg eingeplant – das haben Bremerhavens Jan Rathjen und Bonns Carsten Pohl erst kürzlich vor laufenden Kameras eingestanden. Für Göttingens Head Coach Johan Roijakkers werden die drei Partien Anfang Februar wichtiger sein: in Bonn, in Crailsheim und gegen Bayreuth.

Auch ALBA BERLIN sah vergangene Saison bis Weihnachten so aus, als könnte ihnen niemand gefährlich werden – dann kam der tiefe Fall und das Halbfinalaus gegen München. Dank der finanziellen Möglichkeiten, gutem Coaching und einem feinen Gespür für Spielertransfers aber sind die Baskets momentan und weiterhin das Maß aller Dinge. Punkt.

Womöglich wird es sich im Frühjahr rächen, dass sie schon zur Jahreswende auf so hohem Niveau spielen. Wer weiß. Vielleicht ist dem Kader die Playoff-Teilnahme in der Euroleague aber auch wichtiger als ein (weiterer) Meistertitel in der Liga. Ähnliches war vergangene Saison immer wieder aus Berliner Kreisen zu hören.

Deswegen wird dem Spiel gegen Piräus erneut hohe Bedeutung zugemessen. Olympiacos ist eine andere Hausnummer als Real oder Zalgiris, für Trinchieris Team scheint aktuell aber kaum eine Hürde zu hoch. Und Göttingen? Wird vermutlich auch übersprungen. Denn auch das zeichnet den amtierenden Meister aus: Die BBL läuft nebenher, niemals aber aus dem Ruder.

OLYMPIACOS PIRÄUS VS BROSE BASKETS – Freitag, Live ab 20:35

BROSE BASKETS VS BG GÖTTINGEN – Sonntag, Live ab 16:45