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Körners Corner

10. November 2016

Es reicht mit "Defense, Defense, Defense!"

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Wer schon mal in der Basketball-Arena war, der weiß, was da abgehen kann. Gute Stimmung überall. Und doch gibt es da Potenzial...

Zum Einstieg bereits besänftigen? Ob das gut geht?

Liebe Fans, Ihr seid großartig! Die Stimmung in den deutschen Basketball-Arenen ist fantastisch! Immer wieder wird die Atmosphäre von den Spielern gelobt. Hurra! Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb.

Als Belohnung für Euch hier das beste Musikvideo der Welt, alle Paralleluniversen eingeschlossen:


Und jetzt das: Klatschpappen ins Altpapier. Isso!  (Kandidat für Jugendwort des Jahres, darf man so schreiben).

Fangen wir vorne an. Bei Gotthilf Fischer.

Gotthilf Fischer ist ein deutscher Chorleiter, mittlerweile 88 Jahre alt und nicht mehr in seinem Beruf tätig. Wobei es eher eine Berufung war. Wenn er irgendwo auftauchte und seine Arme zum Taktschwung anhob, dann sangen die Menschen, die vor ihm standen. Der Chor konnte aus fünf Menschen bestehen oder auch aus 50.000. Jeder kennt Gotthilf Fischer. Denn der Deutsche singt gerne.

"Defense, Defense, Defense!“ - Klatsch, klatsch, klatsch. Trommel, trommel, trommel.

Man ahnt worauf ich hinaus will?

Der deutsche Basketball-Fan ist gefangen in einer ausgesprochen monotonen Choreographie. Trägt das eigene Team den Ball über die Mittellinie, wird es im Klatschpappenrhythmus angetrieben. Stürmt der Gegner auf einen zu, wird das Team mit „Defense, Defense“-Rufen zum Verteidigen animiert. Das war's.
Es gibt Ausnahmen, aber die sind selten.

Dabei ist die Grundidee ja nicht falsch. Drückt man dem Zuschauer eine Klatschpappe in die Hand, kann man davon ausgehen, dass er davon Gebrauch macht. Der Mensch ist ein soziales Wesen, es drängt zur Masse. „Und jetzt alle!“ funktioniert.

Aber sind wir doch ehrlich. Wenn der irische Fußball-Fan im Stadion wehmütige Volkslieder anstimmt, zerfließen auch unsere Herzen, obwohl wir beim „Fields of Athenry“-Gejohle nicht mal im Ansatz verstehen, was da eigentlich „gesungen“ wird.

Und auch wenn es abgedroschen ist, doch nur Gänsehaut skalpierte Vollpragmatiker empfinden rein gar nichts, wenn im Stadion „You´ll never walk alone“ angestimmt wird. Das sind Ereignisse, die verbinden. Auch deswegen gehen Menschen in ein Stadion.

Selbst das komplett sinnbefreite „Will Griggs is on fire“ der vergangenen Fußball EM hatte unterhaltsamen Wert, es war allerdings emotional "Fanlager-neutral" und daher zur spezifischen Team-Anfeuerung (abgesehen für den Spieler Will Griggs) eher ungeeignet.

Fakt ist, wir brauchen eine neue Fan-Lied- und Musikkultur in der Liga. Und da sind wir alle gefragt.

Fangen wir an.

Trommeln haben ausgedient.

Sorry. Isso! Trommeln haben etwas extrem Destruktives. Sie sind unfassbar laut und ersticken jede andere Atmo-Aktivität. Sie sind ein Sinnbild für eben genau die Eindimensionalität, die es nicht braucht. Der Aufenthalt im unmittelbaren Umfeld eines Trommlers ist zudem unerträglich. Trommel und Trommelfell passen einfach nicht zueinander.

Es gibt angenehmere und schönere Methoden, um Rhythmus vorzugeben.

Großartig sind kleine Musikcombos wie sie aus dem amerikanischen College-Basketball bekannt sind. Aufwändiger zusammenzustellen, schwieriger in der Platzierung, aber hoher Unterhaltungswert.

Auch wenn mir der folgende Clip besonders gefällt, es muss nicht gleich das Pepe Lienhard Orchester sein. Unsere Hallen sind ja auch kleiner...

Doch widmen wir uns dem Kernsegment der Problematik, dem Gesang. Nähern wir uns behutsam.

Es soll ja nicht zu viel verlangt werden. Beim erwähnten „Fields of Athenry“ geht es um einen Mann, der im Gefängnis landet, weil er Getreide gestohlen hat, um seine hungernde Familie durchzubringen. Harter Tobak. Außerdem kann man so etwas nicht einfach erfinden, Kulturgut wächst bekanntlich.

„Schiri, wir wissen wo dein Auto steht!“ ist das andere Extrem. Kein Gesang, eher ein Ruf, ein Schmähruf um genau zu sein.
Sicherlich politisch unkorrekt, Gewalt verharmlosend, untere Schublade, plump. An dieser Stelle möchte ich kurz unter den „Gutmensch-Rettungsschirm schlüpfen. Nein, fanatische, rechtsradikale Fangesänge, die dazu aufrufen, das noch warme Blut des Gegners literweise zu trinken, lehne ich ab. Ich weiß, dass die ach so tolle Stimmung in manchen europäischen Sportarenen auch darauf beruht, dass Körperöffnungen, Körperausscheidungen und Kopulationsvorgänge mit nahen Verwandten besungen werden. Das ist sicherlich nicht toll.

Auch der zu diesem Thema gerne zitierte englische Fußballfan kennt unterschiedliche Nuancen, zeigt dabei immer wieder ein erstaunlich kreativ-komödiantisches Talent mit selbstironischen Zwischentönen.


So irgendwo in der Mitte, da muss doch noch Platz sein für Neues, Lustiges, Emotionales, Stimmungsvolles und (wichtig) die Spieler Motivierendes. Momente, wo die nervige Klatschpappe unter den Sitz gelegt wird und man aus voller (oder auch halber) Kehle singt oder auch nur ruft. Nicht vergessen: Der Deutsche singt gerne!

Die Bamberger Fans zeigten beim Bayern-Spiel erste Anzeichen einer Veränderung. Im Überschwang der fulminanten Vorstellung ihrer Mannschaft ließen sie sich zu einem „Die Nummer Eins, die Nummer Eins, die Nummer Eins im Land sind wir“ hinreißen. Ein angestaubter Oldie, ja, aber immerhin.

Um die Kreativität blühen zu lassen und neue Ideen auf die Tribünen zu bringen, dafür braucht es die unerlässliche Logistik und Struktur der Fanclubs.

Ja, genau denjenigen, denen ich gerade die Trommeln und Klatschpappen aus den Händen reißen will. Die Tausenden von Fans, die ihren Teams die Treue halten, Banner basteln, mitfiebern und leiden, sollen jetzt auch noch Lieder komponieren?

Ohne Euch geht es nicht. Fanclubs bleiben das Herzstück und das Rückgrat jeder Hallen- und Spielatmosphäre. Wenn dann schließlich 6.500 Handzettel mit neuem Liedgut ausgeteilt werden müssen, dann bleibt das am Fanclub hängen. Völlig klar. Weiß ich. Schätze ich. Liebe ich. So muss das sein.
Und wie ich im kleinen Kreis der Telekom-Basketball-Redaktion erleben durfte, kann das Komponieren neuer Textzeilen auf eine „Atemlos durch die Nacht“-Melodie einen Heidenspaß machen.

Hier schon mal zum Üben: Das zeitlose Meisterwerk als Instrumental-Version.

Ich sage nur:

„Ballverlust, wieder mal. Ohne Punkte steht ihr da!“

     
Aber ich bin sicher, dass mit mehr Abwechslung auf den Rängen das Event eines Basketball-Spiels noch viel mehr Eindrücke entstehen lassen und Emotionen hervorbringen kann.

Let's do this!