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Körners Corner

03. März 2017

Halb voll, halb leer. Es reicht, Gläser weg!

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Das Glas ist bekanntlich nie ganz voll oder ganz leer. Es ist halb voll. Oder halb leer. Wie auch immer. Jeder kennt die bekannte Redewendung, die den Optimisten vom Pessimisten unterscheidet. Andererseits ist es oftmals auch eine Frage der Sichtweise. Michael Körner räumt die Gläser beiseite.

Auweia. Das ist gar nicht so einfach. Eigentlich gehöre ich zur schwarz/weiß-Fraktion. Für mich gibt es meistens nur entweder/oder. Dieses Rumgestocher in Halbwahrheiten ist nicht so mein Ding. Und wenn schon Gläser-Philosophie, dann gehöre ich eher in die Trockenabteilung, für überschäumenden Optimismus bin ich nicht unbedingt bekannt. Nehmen wir die aktuelle Weltlage: Klimawandel, Rechtspopulismus, ungerechte Güterverteilung, massivste Umweltzerstörung, Terror, Sarah und Pietro, da ist es ein Leichtes, das Welt-Glas als mindestens halb leer, wenn nicht gar fünf Sechstel leer zu bezeichnen.

Andererseits diese „Früher war alles besser“-Formel ist ja nun auch längst widerlegt.

Wie bereits in der anschaulichen Doku-Serie „Game of Thrones“ beschrieben, gab es früher mehrjährige Winter, ständige Gemetzel, Sklaverei und Cersei Lannister. Immerhin waren alle Frauen hübsch und tattoofrei. Aber sonst, puh.

Die Gegenwart ist auch schön, irgendwie. Man kann es sich schon gut gehen lassen. Gibst Du mir auch ein paar Popcorn, Scarlett?


 

Machen wir den Basketball-Gläsertest und stellen fest, dass es höllisch kompliziert ist, zwischen halb voll und halb leer zu unterscheiden.

easycredit BBL – Variante: Das Glas ist halb voll

Die Liga ist im Aufwind. Professionelle Strukturen, moderne Hallen, gute Auslastung. Jedes Spiel wird fürs TV produziert. Und man hat eine Vision: 2020 will man die stärkste Liga in Europa sein. Wer Basketball einmal erlebt hat, ist begeistert. Hurra.

easycredit BBL – Variante: Das Glas ist halb leer

Die Liga stagniert. Es gibt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Budget-Monster dominieren die Liga. Wieder ist ein Verein in die Pleite gerutscht. Strukturschwache Clubs stoßen an Grenzen oder haben Schwierigkeiten, die gesetzten Standards zu erfüllen. Sponsoren und TV-Zuschauer schauen Fußball, dann Fußball und wenn noch Zeit ist Fußball.

Euroleague – Variante: Das Glas ist halb voll

Was für eine Saison! Spiele auf hohem Niveau, spannend ohne Ende. Mit Bamberg ein deutsches Team gefühlt im Dauerdrama. Der Abstand des besten deutschen Teams zur europäischen Spitze ist so gering wie nie zuvor. 30 Spieltage plus Playoffs. Ein permanentes Feuerwerk.

Euroleague – Variante: Das Glas ist halb leer

Elf Mannschaften haben sich die höchste europäische Spielklasse unter den Nagel gerissen und spielen nach einem höchst dubiosen Verteilungsschlüssel in einer 16er-Liga eine Miles-and-More-Europameisterschaft. Die Einflussnahme deutscher Teams auf eine Teilnahme ist begrenzt. Aufgrund diverser finanzieller Benachteiligungen gegenüber anderen Ländern ist die Saison für den deutschen Teilnehmer Bamberg ein Zuschussgeschäft.
Abgesehen davon liegt die gesamte Organisation des europäischen Vereinswettbewerbs aufgrund eines absurden Dauerstreits zwischen Euroleague und FIBA in Schutt und Asche.

Nationalmannschaft – Variante: Das Glas ist halb voll

Die Post-Nowitzki-Generation ist in den Startlöchern. Ach was, sie ist bereits losgelaufen. Dennis Schröder und Paul Zipser spielen in der NBA. Joe Voigtmann und Tibor Pleiß bei internationalen Spitzenteams. Daniel Theis und Maxi Kleber spielen auf MVP-Niveau in der easycredit BBL. Barthel, Heckmann, Zirbes, Lo... Die Entwicklung der jungen Garde ist massiv voran geschritten. Alle super jung, alle wollen zur EM im Sommer. Eine goldene Generation. Wie geil ist das denn?

Nationalmannschaft – Variante: Das Glas ist halb leer

Im Sommer ist EM? Ach so. Wo denn? Und wann? „Mal sehen“, antwortet Schröder momentan auf die Frage ob er mitspielt. 2016 erreichte den DBB eine Absageflut als würde die EM-Quali auf einem Freiplatz in Aleppo ausgetragen. Es fehlt der Leitwolf, der das gesamte Rudel auf ein festes Ziel (Olympia 2020) hintrimmt.

 

Räumt mal jemand die Gläser weg...

Wenn sie zum Thema Glas halb voll/leer einen Physiker fragen, wird er sagen, es ist komplett voll. Zur Hälfte mit Flüssigkeit, die andere Hälfte ist Luft. Der Bauingenieur hat auch eine Lösung parat: Das Glas ist in jedem Fall ums Doppelte zu groß.

Wir müssen die ganze Geschichte also noch mal neu durchdenken, völlig pragmatisch. Gläser vom Tisch!

easycredit BBL – Variante: Lebe den Moment

15 Jahre lang war ich bei jedem Heimspiel des Hagener Basketballs in der Ischelandhalle. Was ist mir von damals geblieben? Der Gesang auf dem Heuboden. Die Wurftechnik von „Kees“ Kuhtz, die aussah, als würde er in einer Telefonzelle eine Schlange erwürgen. Der Beistellschritt von Volker Aßhoff vor seinem Distanzwurf. Das wehende Haar von Uli Diestelhorst. Der Ami im Team, der grundsätzlich zwei Frauen im Arm hielt. Titel gab es so gut wie nie zu feiern, aber jedes Spiel war trotzdem das Highlight der Woche. Live-Basketball mit seiner Schnelligkeit, seiner Athletik und auch seiner Schönheit steht für sich. Ob das außer mir noch jemand sehen will, muss eigentlich egal sein. Das Abschiedsspiel von Fußballerin Birgit Prinz hatte eine zehnmal höhere TV-Einschaltquote als ein Basketballspiel. Na und?

Zum Mitschreiben für immer und für alle Ewigkeiten: Wenn sich wirklich mehr Menschen für ein Fußballspiel Wolfsburg gegen Darmstadt am 9. Spieltag interessieren als für ein fünftes BBL-Finalspiel zwischen Bamberg und Bayern, DANN IST DAS EBEN SO.

Alles was da dran hängt - Sponsoring, Ticketing, Merchandising, TV-Verträge - lässt sich nur bedingt steuern, aber in keinem Fall erzwingen. ES IST WIE ES IST.

Euroleague – Variante: Die Besten jetzt und hier

Leichtathletik 100 Meter Finale. Olympische Spiele. Pflichtprogramm. Ich will das sehen. Schnellster Mann/schnellste Frau der Welt. In diesen 9.8 Sekunden interessieren mich keine Dopinggeschichten. Ich kann das in dem Moment nicht lösen. Sich die Besten in einer jeweiligen Sportart anschauen, ist für mich das Allergrößte. Und das gilt natürlich erst recht für meine absolute Lieblingssportart. Durch die Euroleague sehe ich den aktuell bestmöglichen Basketball in meiner näheren Umgebung. Oftmals bessere Spiele als das teilweise etwas blutleere und auf individuelle Leistungen fixierte Gedaddel in der NBA.

Das gesamte Euroleague-Konstrukt ist in einer Entwicklung. Wenn es am Ende so unüberschaubar und wesensfremd wird wie manche befürchten, dann wird es sich selbst richten. Ich hoffe einfach, dass der Markt entsprechend korrigierend einschreitet und so lange erfreue ich mich an Bamberg, Panathinaikos und der ganzen Schar an Spitzen-Basketballern. ES IST WIE ES IST.

Nationalmannschaft – Variante: Stellt die Gläser wieder hin

So weit ich das beurteilen kann hat jeder deutsche Nationalspieler momentan Bock auf die EM. Wenn ich mit ihnen rede und das Thema anspreche, dann erlebe ich Vorfreude und ernte Zustimmung: Ja, das ist super. Stimmt, WM 2019 in China, Olympia 2020 in Tokio, das sind tolle Events. Ja, wir haben tatsächlich eine super Generation beisammen. Schröders „Schauen wir mal“-Aussage würde ich jetzt einfach mal nicht zu hoch hängen. Der hat schon Lust, aber ist vor der Kamera eher der vorsichtige Typ. Auch hinter den Kulissen arbeiten Fleming, Rödl und Co. mit großem Engagement, um die Kommunikation während der Saison aufrecht zu erhalten. Wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, sehen wir im Sommer die beste Nationalmannschaft seit langer Zeit. Und dann machen wir die Gläser voll, bis zum Anschlag. Scarlett, hast Du noch Pop... Scarlett? Scarlett?

Scheiß Träumerei.