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Körners Corner

21. Dezember 2016

Macht alle was ihr wollt - ich geh' zum Basketball

Michael Körner

Von Michael Körner
@MichaKoerner

2016 war nach allgemeiner Wahrnehmung ein schreckliches Jahr. Krieg, Terror und Elend allerorten. Trump gewählt, Brangelina getrennt. Prince, Willemsen, Westerwelle, Schimanski. Alle tot. Iphone 7 ohne Kopfhörer-Anschluss. Wir haben jetzt die Wahl, glaubt Michael Körner. Die Welt geht unter oder...

Gibt es eigentlich was Schlimmeres als Jahresrückblicke? Will man wirklich noch mal sehen, wo im Februar die Erde gebebt hat, wo der Terror unzählige Male zugeschlagen hat, wer Dschungelkönig geworden ist? Und dann die Aufzählung der toten Promis. Grauenvoll. Der ist tot, der ist tot, der ist tot.
Die komplette Drama- und Trauerbeschallung reloaded.  

Es ist auch deswegen so schwer zu ertragen, weil die geschundene Seele mit einem neuen Phänomen konfrontiert wird.

Leider ist es eine Tatsache geworden, dass viele Menschen alles deutlich negativer sehen als es in Wahrheit wirklich ist. „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres 2016. Das muss man sich mal vorstellen! Fakten spielen keine Rolle mehr, es geht nur noch nach der gefühlten Wahrheit. Unreflektierte und falsche Aussagen verbreiten sich über das Internet in aberwitzigen Geschwindigkeiten und erreichen auch das hinterletzte Kaff auf diesem Planeten innerhalb von Minuten. Selbst in unserem vermeintlich aufgeklärten Land vertrauen immer weniger Menschen den etablierten Publikationen, lassen sich aber eifrig von billigsten Parolen einlullen. Das ist die Vorstufe zum Untergang.

Alles ist wahnsinnig negativ. Überall wird gemeckert und gemosert: Foren und Plattformen quellen über vor Hass, Abneigung, Kritik oder einfach Nein! Facebook habe ich für mich persönlich längst abgeschafft. Bei Twitter versuche ich die kluge und wichtige Nachricht oder Aussage zu filtern, da ich darauf angewiesen bin, mich zu informieren. Ich kann mich nicht verkriechen.

Aber ich möchte es gerne.

Mein Kollege Alex hat einen Hund. Neela, ein toller Hund. Dabei gebe ich offen zu, dass ich Haustiere als sinnlos erachte. Ich liebe Tiere, großartig, super, yeah! Aber ich verstehe nicht, warum sie mit mir zusammenleben sollen. „Man kann von einem Hund lernen, im Moment zu leben“, sagt Alex. „Von einem Moment auf den anderen kann ein fliegender Ball das wichtigste Ding in seinem Leben sein.“
Das wiederum finde ich sehr spannend. Wie gesagt, zurückblicken ist nicht mein Ding. Und was nächste Woche passiert weiß ich auch nicht so genau.

Im Moment leben. In der Gegenwart leben. Das klingt gut. Fliegende Bälle sowieso.

Neulich war ich beim Euroleague-Spiel Brose Bamberg gegen Anadolu Efes Istanbul. Das war ein richtig gutes Basketball-Spiel und es hat sehr viel Spaß gemacht, es sich einfach anzuschauen. Es ging hin und her und über allem lag eine beinahe fühlbare Spannung, ob Bamberg wieder einen Vorsprung verspielen würde. Sport eben. Rebounds, Ballgewinne, Würfe, Geschrei, Dreier, das Spiel ist vorbei. Die Gegenwart abgeschlossen.

Es war einfach gut. Endlich wieder so ein Gefühl, dass eigentlich alles in Ordnung ist. Dass Sport auf hohem Niveau eine bewundernswerte Angelegenheit ist. Die Begeisterung darüber, dass man sich ergötzen kann, wenn ein paar Menschen einen Ball in einen 3.05 Meter hohen Korb werfen. Was ja im Vergleich zu Milliarden naturwissenschaftlicher, ökonomischer und soziologischer Abläufe auf dieser Welt eine unglaublich lächerliche Angelegenheit ist.

Nennen wir die Dinge beim Namen:

Wir, als homo sapiens, sind das grausamste Tier aller Zeiten. Seitdem wir vor 70.000 Jahren das Kommando übernommen haben bis zum heutigen Tag war das immer so. Es gibt indigene Völker, also Menschengruppen, die noch nie Kontakt zu „unserer“ Zivilisation gehabt haben, die ältere und/oder kranke Mitglieder ihrer Gruppe einfach erschlagen. Ohne vorher Counterstrike gespielt zu haben. Oder religiöse Schriften gelesen zu haben.

Wir haben sicherlich auch unsere guten Seiten.

Aber unsere schlechten Charaktereigenschaften kommen deutlich schneller zum Vorschein als die guten. Es muss schon alles passen in unserem Umfeld, sonst können wir schnell garstig werden. Oder aggressiv. Oder neidisch. Oder gewalttätig. Oder fies. Oder egoistisch. Oder fanatisch.

Das habe ich eingesehen und versuche es auch weitestgehend zu akzeptieren. Aber ich lasse es nicht mehr an mich ran. Ich lebe im Moment. Jetzt gerade lasse ich mir mein Hühnerfrikassee schmecken. Dabei schreibe ich weiter die Sätze, die Sie gerade lesen. Auf meinem Kopfhörer läuft zur Stärkung der Konzentration Musik von Yann Tiersen.

Ich höre aber auch andere Stimmen:

„Komm von deinem hohen Ross runter, du Spinner! Denk an die Leute, die sich keine Kopfhörer leisten können, denen zum Hühnerfrikassee das Huhn fehlt und die vor Kriegen flüchten müssen. Abgehobenes, elitäres Geschwätz von einem, dem es zu gut geht.“

Damit man mich nicht falsch versteht. „Den Moment leben“ bedeutet nicht, dass man sich nur um sich selbst kümmert oder das Motto „Nach mir die Sintflut“ auslebt. Im Gegenteil. Es ist auch die Besinnung auf das eigene Umfeld, die eigene Scholle. Von der kleinen Blume vor meiner Haustür bis zu den wichtigsten Menschen direkt an meiner Seite. Es ist alles andere als oberflächlich. 

Ich will aber nicht rund um die Uhr wissen wie schlecht die Welt und wie beknackt die Menschheit ist. Und ich möchte erst recht nicht von minderbemittelten Verschwörungstheoretikern eine Märchenstunde erhalten oder „Putin hat wenigstens Eier“-Pamphlete lesen müssen.

Ja, ich weiß. Auch der Sport ist hinüber. Die SPIEGEL-Geschichte über Fußballerverträge kann einem den Rest geben. Dazu staatlich geleitetes Doping, korrupte Funktionäre, Olympia-Umweltzerstörung etc. etc.

Dabei möchte ich einfach nur ein gutes Basketball-Spiel sehen.

Ich muss gar nicht wissen, ob Mannschaft B in den letzten 14 Jahren nur zwei Mal gegen Mannschaft A gewonnen hat. Oder ob es ein Derby ist. Ein Playoff-Spiel. Zwei Teams. Ball. Jump. Fertig.

Ich möchte im "Hier und Jetzt" die pure Essenz finden. Ganz simpel, ganz einfach,

Das sehen was übrig bleibt, wenn man das Internet abstellt (außer natürlich http://scarlett-johansson.net/).

Das sehen was aufkeimt, wenn man nach innen schaut.

Nach dem Hühnerfrikassee gab es noch Donauwelle. Jetzt ist mir schlecht. Auch an der Gegenwart kann man sich überfressen.