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19. Juli 2016

Paul Zipser: Das ist mein NBA-Fahrplan

Von Florian Schmidt-Sommerfeld
@Schmiso

Paul Zipser verabschiedet sich mit einer eindrucksvollen Pressekonferenz aus München. Zipser ist entspannt, zugleich selbstbewusst, zum Scherzen aufgelegt und vor allem entschlossen. Er wirkt bereit für die NBA, für das Kräftemessen mit den besten der Welt.

Es war ein bemerkenswerter Auftritt, den Paul Zipser bei seiner Abschieds-Pressekonferenz in München hingelegt hat. Entspannt wirkt Deutschlands neuester NBA-Export ohnehin immer, diesmal aber zugleich sehr selbstbewusst und zum Scherzen aufgelegt. „Ab Pick 30 dachte ich, jetzt könnte mein Name langsam fallen“, berichtete Zipser über die Nacht vom 23. Juni, in der er an 48. Stelle von den Chicago Bulls ausgewählt wurde. „Bei jedem Namen dachte ich: Okay fuck, jetzt könnte es mal passieren.“ Zipser spricht frei Schnauze und lacht, die 30 anwesenden Journalisten ebenso. Der 22-Jährige erzählt weiter: „Plötzlich war viel los, meine Agenten haben angerufen. Einige Teams wollten mich draften, aber erst mal hier spielen lassen. Chicago wollte mich direkt holen und dann habe ich gesagt, das will ich auf jeden Fall.“

Paul Zipser

Einige Teams wollten mich draften, aber erst mal hier spielen lassen. Chicago wollte mich direkt holen und dann habe ich gesagt, das will ich auf jeden Fall.

Für Zipser selbst, den besten Nachwuchsspieler der abgelaufenen BEKO BBL Saison, ist der Wechsel der logische nächste Schritt und so etwas wie ein Déjà-vu. „Als ich hier zu den Bayern gekommen bin, hatte ich auch die größtmögliche Challenge, mich durchzusetzen, dafür spielt man diesen Sport. Die habe ich jetzt wieder und will sie jetzt meistern und nicht in ein, zwei Jahren.“ Der Entschluss zum Wechsel war der Auftakt in einen knappen Monat, den Zipser im Rückblick als „sehr turbulent“ beschreibt. „Eigentlich stand fest, dass ich Summer League spiele – dann doch nicht, wegen einigen bürokratischen Dingen. Das war schon schade, ich hätte das gerne gemacht, weil es eine gute Vorbereitung ist. Es ist ein gutes Niveau und es ist der NBA auf dem Court in vielen Dingen ähnlich.“ Statt Summer League hieß es Urlaub machen, dann ging es für einen Tag zurück in die USA, den Vertrag unterschreiben und die zukünftige sportliche Heimat kurz ansehen. „Jetzt bin ich hier und bereite mich auf die Nationalmannschaft vor.“

Die „Ablenkung“ Nationalmannschaft kommt ihm ganz gelegen, erzählt Zipser offen, ab September geht das große Abenteuer so richtig los. „Meine Familie ist aufgeregter als ich, besonders meine Mutter. Ein relativ unaufgeregter Typ bin ich sowieso“, schiebt Zipser vorneweg, kommt aber doch ins Schwärmen, als er von seinem ersten Besuch im United Center, der Heimspielstätte der Bulls erzählt. „Als ich das erste Mal in die Halle bin und dort runter geschaut habe... das sollte sich jeder reinziehen, der die Chance hat. Es ist ein Riesending. Vergleichbar mit unseren Fußballern.“ Unsere Fußballer. Mia san mia. Da kommt der Bayern-Paule durch, dazu später mehr.

Noch ist er ja in Deutschland, in den nächsten Tagen steht Training im Audi Dome auf dem Programm, ab dem 27. Juli geht es zum Nationalmannschafts-Lehrgang nach Würzburg, der Auftakt in den EM-Quali-Sommer. Wiedersehen mit Dennis Schröder, der den Durchbruch in der NBA endgültig geschafft hat. Schröder ist einer, den man um Rat fragen könnte. „Diesen Sommer wird das Thema NBA in der Nationalmannschaft sicher nicht an erster Stelle stehen“, wiegelt Zipser ab. „Wir wollen ein Team aufbauen, dass in den nächsten Jahren erfolgreich ist. Ich habe keine Zweifel, dass wir die Quali schaffen, aber auch das müssen wir erst mal machen.“

Paul Zipser will sich ohnehin selbst durchschlagen. „Er hat letzten Sommer schon viel erzählt, wie das Leben dort drüben ist“, sagt Zipser über Schröder. „Vielleicht hat er ein paar Tipps, aber ich bin nicht so auf der Suche, wie man sich dort zurecht findet. Ich glaube, das schaffe ich auch so.“ Zipser ist selbstbewusst wie nie. Aber so ganz alleine im fernen Chicago? Gut, dass die Freundin mit in die USA geht. „Alleine wäre es schwieriger, aber wir sind ja zu zweit. Nach der Nationalmannschaft werde ich rüberfliegen, mich nach einer Wohnung umsehen. Mirijam muss mitentscheiden, besser gesagt ziemlich viel entscheiden. Sie wird auf jeden Fall mitkommen.“

Im September beginnt das große Abenteuer endgültig. Paul Zipser geht in die NBA. Und dann auch noch zu den legendären Chicago Bulls. Zu der Franchise, wo der wohl beste aller Zeiten gespielt hat. „Auf jeden Fall ist das ein Riesenunterschied. Als ich in der Nacht gehört habe, es wird Chicago, dachte ich direkt: Okay, MJ war da. Oh mein Gott. Das ist schon etwas anderes, weil man dieses Trikot einfach immer sieht. Oder die Leute laufen alle mit einer Chicago Bulls Cap rum. Die Bulls sind einfach superbeliebt in der Stadt. Chicago, Boston und die Lakers – das sind die drei großen Vereine, die irgendwie über den anderen stehen.“ Vom Glanz der legendären Bulls der 90er Jahre, die sechs Titel in acht Jahren gewannen, ist die aktuellen Franchise allerdings so weit entfernt, wie Chicago von Heidelberg, Zipsers Heimatstadt.

„Mit dem Team kann man auf jeden Fall die Playoffs schaffen“, blickt Zipser auf die Saison voraus. Nach dem Trade von Derrick Rose nach New York standen die Zeichen auf Neuaufbau, mit den Signings der zwei Star-Free Agents Rajon Rondo und Dwyane Wade hat sich das Blatt allerdings gewendet. Zusammen mit Jimmy Butler sind die Positionen Eins bis Drei exzellent besetzt. „Butler hat sich die letzten Jahre extrem verbessert, er ist ein Superstar geworden. Das kann sein, dass er ein Vorbild sein kann“, sagt Paul Zipser. „Seit ich Basketball im Kopf habe, kenne ich jeden Move von Wade, den er gemacht hat. Ich habe gehört, dass er gerade für junge Leute ein super Typ sein soll. Rondo ist ein Riesenleader. Ich denke diese drei werden diese junge Truppe durch die Zeit führen.“

Im besten Fall kann Zipser sich als Backup von Star Butler auf der Drei etablieren. Druck scheint Zipser – zumindest für den Moment – noch nicht zu verspüren. Oder er redet ihn sich ganz einfach weg. „Die erste Saison war eigentlich bei jedem Deutschen ziemlich schlecht oder zumindest holprig. Wenn das sowieso der Ruf der ersten Saison ist, kann ich nicht so viel falsch machen.“ Wieder großes Gelächter bei der Pressekonferenz. „Da versuche ich einfach einen Haufen Sachen und wenn etwas klappt ist es super, wenn nicht, ist es sozusagen normal. Ich hoffe, dass ich mir Minuten erarbeiten kann.“ Rondo und Wade – der Bulls Backcourt klingt fantastisch, hat aber ein Problem: Beide sind kaum eine Gefahr von hinter der Dreierlinie. Da kann Zipsers guter Wurf nur helfen. „Denke ich auch“, stimmt Zipser zu. „Die beiden sind nicht so die Dreierschützen. Ich denke, dass mein Spielstil gut passt. Ich bin aber auch ein Eins gegen Eins Spieler, ich kann an Skills arbeiten. Dafür ist die Situation dort drüben perfekt.“

Zipser zusammen mit drei All-Stars, mit Rondo und Wade zwei Champions. Das mag auch Paul Zipser noch surreal vorkommen, der erzählt in seinem „Kinderzimmer habe ich immernoch Poster von Kobe, LeBron, MJ, Shaq.“ Früher Fan, jetzt spielt er – zumindest gegen einen der genannten – und auf das Duell freut sich Zipser am meisten. „Auf jeden Fall auf LeBron James. Auf Dirk würde ich mich auch freuen, wenn ich auf der Vier gegen ihn spielen würde. Wenn man sieht, wie LeBron in den Finals gespielt hat, dass ihn nicht mal einer der wohl besten Verteidiger der Liga wie Andre Iguadola halten kann – da kann man nicht viel falsch machen. Man kann eigentlich nur gewinnen, am Anfang. Auch das will ich mal probieren.“ In einigen Monaten könnte es schon so weit sein. Ob Zipser das Duell dann immernoch so locker sieht? Es ist ihm zu wünschen.

Das ganze wird noch unglaublicher, wenn Zipser von seiner basketballerischen Jugend und Kindheit beim USC Heidelberg erzählt. „Ich habe mich jahrelang dagegen gesträubt, Basketball zu spielen. Ich habe versucht, beim Fußball zu bleiben. Ich wurde aber immer weiter zurückgeschickt und Verteidigung war nicht so mein Ding. Dann wollte ich zum Basketball, da durfte ich auch angreifen.“

Paul Zipser

Ich habe mich jahrelang dagegen gesträubt, Basketball zu spielen.

Paul Zipser hat viel erzählt an diesem Nachmittag, so offen, wie es Profisportler selten tun. Zum Abschluss nimmt er sich die Freiheit heraus, ein Thema auf die Agenda zu setzten, das bei aller NBA-Freude irgendwie von allen Journalisten vergessen wurde. „Über die Bayernzeit wollt ihr nicht so viel wissen?“, fragt Zipser in die Runde. Wieder lachen im Saal. Der Verein, der ihn in die NBA gebracht hat, darf natürlich nicht ausgespart werden. „Bist du traurig, dass es mit den Bayern zu Ende ist?“, fragt ein Kollege.  „Dankeschön, ja auf jeden Fall!“ antwortet Zipser. Wieder wird herzlich gelacht. „Ich bin superstolz, ein Teil dieses Vereins gewesen zu sein“, führt Zipser dann rührselig aus. „Ich komme immer gern zurück, die Leute werde ich vermissen. Jetzt wird mir erst bewusst, was dieser Verein eigentlich ist. Wenn man rübergeht, kennt jeder den FC Bayern. Das kann man nicht von jedem Verein sagen. Ich bin verletzt hierher gekommen, das war eine Riesenaufgabe. Marko hat viele Möglichkeiten gehabt, mir zu helfen und jetzt habe ich gar keine Probleme mehr im Fuß und im Knie. Ich habe als Mensch und Spieler so viel gelernt. Ich werde die Zeit auf keinen vergessen können.“

Svetislav Pesic

Paul, wir werden Dich zum NBA-Spieler machen.

Vor allem das Versprechen, dass Marko und Svetislav Pesic ihm bei seinem Wechsel 2013 gaben. „Paul, wir werden Dich zum NBA-Spieler machen. Das war eine Aussage, die mir einfach im Kopf geblieben ist.“ Sie haben ihr Wort gehalten. Paul Zipser hat sich als Mensch und Spieler beim FC Bayern enorm weiterentwickelt. Als 18-Jähriger kam er im Januar 2013 zum FC Bayern und etwas schüchtern daher. Wie gesagt: Ein entspannter Typ. Dreeinhalb Jahre später zieht Zipser weiter auf die ganz große Basketball-Bühne. Seine Abschlusspressekonferenz in München lässt keinen anderen Schluss zu, als den, dass er bereit dafür ist.