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25. Juni 2016

Paul Zipser - der Frischling

Seb Dumitru

Von Seb Dumitru
@nbachefkoch

Paul Zipser wurde von den Chicago Bulls gedraftet. Wenn die Vertragsverhandlungen wie geplant verlaufen, könnte der beste deutsche Nachwuchsspieler schon zur kommenden Saison in die NBA wechseln – zum Ex-Team von Michael Jordan.


Detlef Schrempf, Uwe Blab, Chris Welp, Dirk Nowitzki, Peter Fehse, Tibor Pleiß, Dennis Schröder... Paul Zipser.
Der achte Deutsche, der jemals in einem NBA Draft selektiert wurde (Shawn Bradley und Chris Kaman wurden erst später eingebürgert), landete während der gestrigen Talentziehung an 48. Stelle bei den Chicago Bulls.
Damit könnte Zipser bereits in der kommenden Saison im Dress des Teams des besten Spielers aller Zeiten auflaufen: Michael „Air“ Jordan.

Zipser wurde nach durchschnittlich 7.1 Punkten, 3.6 Rebounds, 1.4 Assists and 0.5 Steals in 18 Minuten pro Partie zum besten deutschen Nachwuchsspieler der Beko BBL gewählt. Bereits mit 16 Jahren debütierte er in der Pro A. Im Sommer 2012 spielte sich der damals 18-Jährige mit exzellenten Leistungen beim Albert-Schweitzer-Turnier erstmals auf den Radar der NBA-Scouts, führte sein Team ins Halbfinale und schaffte den Sprung ins All-Tournament Team.

Auch die folgenden, verletzungsgeplagten Jahre hinderten den Youngster nicht daran, hart an sich, seiner Physis und seinem Wurf zu arbeiten. Nach dem Wechsel zu Bayern München und einer soliden Debutsaison machte Zipser im Dress der Deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2015 in Berlin nachhaltig auf sich aufmerksam.

Paul Zipser

Ich konnte viel von Dirk Nowitzki lernen und mich mit den Besten Europas messen

„Ich war früher überhaupt nicht zufrieden mit meinem Wurf, habe darum vor allem in den letzten zwei Jahren immens daran gearbeitet. Bei der Europameisterschaft hat sich dann vor allem auch im Kopf bei mir enorm viel getan. Ich konnte viel von Dirk Nowitzki lernen und mich mit den Besten Europas messen.“

Den Schwung der Euro nahm der vielseitige Flügelspieler mit in die neue Saison 2015/16. Er war eine der wenigen Konstanten bei den Bayern, die insgesamt ein enttäuschendes Jahr zeigten. „Es geht so. Ich denke ich hätte noch viel besser spielen können, vor allem nach dem letzten Sommer. Wenn ich mir anschaue, wo ich zum Beispiel gegen Ende der Saison und in den Playoffs war, dann ärgere ich mich, dass ich nicht schon zu Beginn der Saison so gespielt habe.“

Wie genau? „Ich war so aggressiv wie möglich, wollte meinem Gegenspieler zeigen, dass er keine Chance hat, mich zu verteidigen, wenn ich den Ball habe. Das war zu Beginn der Saison überhaupt nicht der Fall. Da habe ich mich fast nur auf meinen Sprungwurf verlassen, weil der halt so gut fiel. Ich war ein reiner Spot-Up Shooter, anstatt zu attackieren. Das wollte ich eigentlich nie sein. Wenn du beides hast, den Drive und den Wurf, dann ist es für deinen Gegner fast unmöglich, dich zu verteidigen.“

Obwohl sein Aufstieg für viele Beobachter rasant und überraschend kam, bleibt der 22-Jährige entspannt, arbeitet im Stillen und lässt die Dinge lieber auf sich zukommen, als sich zu versteifen: „Es ist nicht schwer, geduldig zu bleiben, wenn du siehst, wie schnell sich alles ändern kann. Ich weiss, dass es immer ein bisschen Zeit braucht, um den nächsten Schritt zu machen. Ich habe den Sommer vor mir, und so viele Sachen, die ich noch lernen kann. Im Low Post zum Beispiel, da habe ich körperliche Vorteile auf meiner Position, weiss aber oft nicht, wie ich den Vorteil ausnutzen kann. An solchen Dingen will im Sommer weiter arbeiten. Mein Dribbling verbessern, meinen Pull-Up Jumper, mein Spiel am Zonenrand.“

 2P  3P  FG
 2015/16 53.9% 43.6% 49.4%
 2014/15 46.8% 41.0% 44.9%

Wurfquoten Paul Zipser in den letzten zwei BBL-Spielzeiten (75 Spiele)

Seine Fähigkeiten, seine Teamdienlichkeit, seine Charakterstärke, vor allem aber sein Potential als Three-and-D Spezialist hatten Begehrlichkeiten geweckt. Zipser weiss, dass er in der NBA vor allem eine Rolle ausfüllen muss und kann: die als Ersatz-Flügelspieler, der seine Distanzwürfe trifft (seit Jahren konstant mehr als 40%) und hinten gut verteidigt.


Quelle: adidaseurocamp.com

Was er in den vergangenen Jahren, im prestigeträchtigen „Eurocamp“ Anfang des Monats (bei dem er als MVP ausgezeichnet wurde) und bei multiplen Probetrainings vor dem Draft zeigte, reichte amerikanischen Scouts und Managern, um einen ihrer begehrten Draft-Picks für den Deutschen aufzuwenden. Nur 60 sind Jahr für Jahr verfügbar, rekordträchtige 26 Spieler aus dem Ausland wurden 2016 selektiert.

Zipser, der zwischen Eurocamp und Draft-Tag zum ersten Mal überhaupt in den USA war, verfolgte die Draft-Zeremonie aus dem heimischen Heidelberg von der Couch aus, im Kreise seiner Freundin und Familie. „Total verrückt und eine Riesenehre, zu den Bulls gehen zu dürfen.” Die Katastrophe, wie sie Zipser im Vorfeld des Drafts genannt hatte - alleine in New York zu sitzen und am Ende doch nicht gewählt zu werden - sie blieb aus. „Ich freue mich riesig, dass ich von einem so großartigen Klub gezogen wurde, der derzeit ein wenig im Umbruch ist. Es wäre ein Traum, mich jetzt direkt dort beweisen zu können.”

TimeSquare #newyork #squad #nbadraft16 JaredtheBeast

Ein von Paul Zipser (@paulzzip) gepostetes Foto am

Zipser, der noch ein Jahr Vertrag in München hat, könnte für knapp 600.000 Dollar aus seinem bestehenden Deal herausgekauft werden und sofort wechseln. Diese für NBA-Verhältnisse niedrige „Buyout“-Summe würden die Bulls und/oder Zipser selbst stemmen, der Weg für den Deutschen in die beste Basketballliga der Welt damit schon in diesem Sommer geebnet werden.

Um die Vertragssituation zu klären, werden „in den nächsten Tagen intensive Gespräche geführt“, so Zipser. „Die Anspannung ist also noch überhaupt nicht weg, bis alles durch ist.” Trotz dieser Restnervosität kann der 22-Jährige völlig entspannt in die Zukunft blicken. Entweder, er wechselt schon heuer über den Teich. Oder er bleibt eben noch ein Jahr in München, wo er sich ebenfalls sehr wohl fühlt und weitere Spielpraxis auf hohem europäischen Niveau sammeln kann. Der Weg zu einem Wechsel im Sommer 2017 wäre danach frei und für lau.

Paul Zipser

Die Anspannung ist noch überhaupt nicht weg, bis alles durch ist

Die Bulls sind im Umbruch, haben erst vor zwei Tagen ihren ehemaligen Superstar Derrick Rose in einem folgenschweren Trade zu den New York Knicks geschickt. Auch der designierte Nachfolger, Jimmy Butler, der während Rose' chronischer Verletzungsprobleme die Rolle des Führungsspielers absorbiert hat, ist nicht unumstritten, sein Verhältnis zum jungen Head Coach Fred Hoiberg ein schwieriges. Gut möglich also, dass auch Butler getradet wird, falls die Differenzen zwischen Star und Trainer bestehen bleiben.

Chicago, dessen größten Erfolge (sechs Meisterschaften zwischen 1991 und 1998) nun fast zwei Dekaden zurückliegen, verpasste in der abgelaufenen Saison zum ersten Mal seit 2008 die Playoffs.

Die allgemeine Erwartungshaltung bei Fans und Experten ist, dass das Management den Kader künftig weiter ausdünnen wird, dekorierte Veteranen wie Pau Gasol und Joakim Noah ziehen lässt und einen graduellen Neuaufbau anstrebt. Ein Neuaufbau, der allerdings wie gemacht ist für junge, vielseitige Talente wie Zipser, der sich mit einem starken Eindruck im Camp nachhaltig für einen Platz in Hoibergs Rotation empfehlen kann.

Chicago Bulls General Manager Gar Forman

Wir sind begeistert, dass wir ihn mit dem 48. Pick bekommen konnten

„Paul Zipser ist groß, kräftig und kann gut werfen“, begründete Bulls-Manager Gar Forman letztendlich seine Auswahl des Heidelbergers in Runde zwei. „Wir sind begeistert, dass wir ihn mit dem 48. Pick bekommen konnten. Wir hoffen, dass Paul zum Trainingscamp hier in Chicago auf der Matte stehen wird.”