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Ulm - Ludwigsburg

18. Mai 2017

Spiel 5: Patrick schmeißt die Nerven weg, Ulm im Halbfinale

Von Sebastian Ulrich

Der Tabellenerste quält sich gegen Angstgegner Ludwigsburg durch vier anstrengende Viertel. Ludwigsburgs Coach und bester Spieler fliegen frühzeitig. Die MHP RIESEN legen Protest ein. Spiel fünf der Serie Ulm gegen Ludwigsburg im Überblick.

1 3 93 82 87 76 91
8 2 96 76 76 84 81
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Puh. Falls Sie diesen Text hier gerade noch nicht lesen können, liegt es wahrscheinlich daran, dass das Device ihrer Wahl unter einem Turm-von-Babel-artigem Stapel Regelbücher verschüttet sein dürfte. Ulm gewinnt Spiel fünf deutlich... Verzeihung, redaktioneller Fehler. Ulm gewinnt die Regelschulung, die eigentlich Spiel fünf hätte sein sollen, deutlich. Eine Partie, die von Pfiffen abseits des Spiels vorentschieden wurde. Sowohl MHP-RIESEN-Coach John Patrick als auch DJ Kennedy fliegen bereits früher als der Rest des Teams aus den Playoffs. Der Rest war Garbage Time. Ulm kann sich auf Oldenburg freuen und umgekehrt. Denn beim Tabellenersten der regulären Saison sind längst nicht alle Brandherde gelöscht.


Das Chaos, das acht Sekunden vor Ende der ersten Halbzeit ausbrach und sich bis tief ins dritte Viertel hinzog, nachzuschildern. Aber okay, versuchen wir es mal. Ludwigsburg ist gut im Spiel, knapp vor Ende des zweiten Viertels. Per Günther nimmt acht Sekunden vor Schluss das letzte Foul, das Ulm im Viertel noch zu geben hat gegen Roderick Tryce. Und plötzlich geht’s los. John Patrick bekommt das erste technische Foul, weil er sich gegenüber des Schiedsrichterteams wohl zu deutlich ausdrückt. Auszeit Ulm. Patrick geht rüber zum technischen Kommisar. Dann das:

Der Headcoach raus für die zweite Halbzeit. Oben drauf auch noch technisches Foul gegen Hammonds. Insgesamt fünf Freiwürfe für Ulm. Das Spiel, das über die längste Zeit so offen gewirkt hatte, plötzlich so gut wie vorbei. Dabei war das lange noch nicht alles. Drittes Viertel, ein bisschen unter drei Minuten von der Uhr. DJ Kennedy schreitet vermeintlich nur von einer Offensivszene zurück in die eigene Hälfte. Aus bisher nicht zu klärenden Gründen erhält auch er ein T. Der DJ reagiert nicht mit Partystimmung, sondern so: Der wütende Ball-Wurf nach dem Schiedsrichter. 

Disqualifizierendes Foul, mit Kennedy ein Leistungsträger, der den MHP RIESEN ab diesem Moment fehlt. John Patrick gab nach der Partie zu Protokoll, dass das T für Kennedy offenbar vergeben wurde, weil das Schiedsrichterteam ihn aufforderte, ihnen den Ball zu bringen. Als Kennedy sich weigerte, wurde er dafür bestraft. Ein Fall, den kaum jemand so schon einmal erlebt haben dürfte. Und Regelkunde, wie sie kein Basketballfan in einem Spiel fünf der Playoffs erhalten möchte. Wie genau all die technischen Fouls zustande kamen, werden die Freunde des orangenen Leders dann wohl erst aus dem Bericht der Schiedsrichter erfahren. Den wird es geben müssen, da Ludwigsburg bereits angekündigt hat, Beschwerde bei der Liga einzulegen. Solche Angelegenheiten sind meist aussichtslos. Aber zumindest Gesprächsstoff dürfte dieses Spiel noch für ein paar Wochen hergeben.


Augustine… You da real MVP! Zumindest derzeit. Weil Raymar Morgan einfach nicht auf den Court kommt. Wieder war Ulms wertvollster Spieler der Hauptrunde schnell in Foulsorgen, legte in der ersten Halbzeit ganze sieben Minuten Spielzeit auf die Platte. Ulm wäre dem Abgrund wohl wesentlich näher gekommen, gäbe es da nicht noch diesen anderen Typen: Augustine Rubit. In Abwesenheit von Raymar Morgen spielte Rubit in Halbzeit eins fast durch und brachte den Favoriten fast im Alleingang in eine halbwegs komfortable Ausgangslage. Der Power Forward ließ keine Spalte im Boxscore aus, 23 Punkte, 5 Rebounds, 5 Assists, ein Block, ein Steal und 9/10 Freiwürfen. Und auch auf den seismologischen Skalen dürfte heute ein gewisser „Rubit-Ausschlag“ zu beobachten gewesen sein:


Das ratiopharm ulm, das die Liga und die Herzen aller deutschen Basketballnerds diese Saison im Sturm eroberte. Davon ist zurzeit wenig bis gar nichts zu sehen. Klar, Angstgegner Ludwigsburg. Klar, Morgan in Foultrouble. Klar, dies, das, jenes. Schockierender als die Tatsache, dass die Dauerrekordebrecher des Jahres 2017 innerhalb einer Serie fast so viele Spiele verloren haben, wie in einer kompletten Saison, waren diese letzten Minuten von Spiel fünf. Mit zwanzig vorne. Ohne den gegnerischen Coach und ohne deren, zumindest an diesem Tag, besten Spieler in DJ Kennedy. Ohne Jack Cooley, der von Ersatzcoach Martin Schiller gebencht wurde. Und trotzdem wäre die Ulmer Führung fast noch einmal in sich zusammengebrochen, weil das Team, das das gesamte Jahr über mehr Intensität aufs Feld brachte als die schärfste Chilischote der Welt auf den Teller, nicht mehr wollte. Oder zumindest so wirkte. Merkwürdige Turnover in der Offensive, defensiver Zusammenbruch über defensiver Zusammenbruch. Ulm konnte von Glück reden, zwischenzeitlich so weit vorne gelegen zu haben. So ist Oldenburg im Halbfinale mit Sicherheit kein großer Außenseiter. Ulm muss sich zusammenraufen, um ihre historische Saison nicht aus der Hand zu geben.