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Bamberg-Bayern

4. November 2016

Trinchieri: "Ich will dem deutschen Basketball ein Vermächtnis hinterlassen"

Von Florian Schmidt-Sommerfeld
@Schmiso

Am Sonntag steigt das Duell der Alphatiere im deutschen Basketball: Bamberg gegen Bayern, live und exklusiv ab 20:15 Uhr bei Telekom Basketball. Eines dieser absoluten Alphatiere ist zweifellos Andrea Trinchieri, der Bamberg in zwei Jahren zur wohl besten deutschen Mannschaft aller Zeiten geformt hat. Doch was treibt den basketballverrückten Philosophen an? Trinchieri hat sich viel vorgenommen für sein drittes Jahr in Bamberg, mehr als nur Siege. Gelingt alles, schafft der Bamberger Head Coach sein wahres Meisterstück.

Es ist gar nicht so leicht zu fassen, was Andrea Trinchieri in Bamberg erreicht hat. Besser: Was der Trainer in Bamberg (wieder) aufgebaut hat. Die letzte Saison strahlte Brose Bamberg unter seiner Führung so hell, dass man fast vergisst, in welcher prekären Lage der Italiener die Franken vor gerade mal zwei Jahren übernommen hatte. Im Sommer 2014 krempelte Brose-Boss Michael Stoschek den ganzen Verein um. Trainer Chris Fleming musste gehen, kurz später auch Geschäftsführer und Sportdirektor Wolfgang Heyder. Nach 15 Jahren als Bamberg-Macher - ein kontrovers diksutiertes Manöver.

Bamberg hatte nach der Hauptrunde nur Platz zwei hinter dem neuen Konkurrenten FC Bayern belegt. Viel schlimmer: Das desolate 1:3- Viertelfinalaus gegen die siebtplatzierten Artland Dragons. Nach vier Meisterschaften riss die Serie mit einem Knall. Viele in Bamberg trieb wohl auch die Sorge um, der große, unliebsame Konkurrent aus München könnte die Vorherrschaft im Basketball übernehmen. Ausgerechnet die in Franken auch ganz ohne den Basketball schon unbeliebten Oberbayern aus der Landeshauptstadt.


Für Fleming und Heyder kamen Trinchieri und Sportdirektor Daniele Baiesi, sowie Geschäftsführer Rolf Beyer. Der Rest ist Geschichte. Trinchieri führte die Franken zurück auf den Thron, im ersten Jahr denkbar knapp in einer dramatischen Fünf-Spiele-Finalserie gegen München, im zweiten Trinchieri-Jahr zerlegte Bamberg die ganze Liga und schrammte auch noch so haarscharf Euroleague Top 8 vorbei, wie noch keine deutsche Mannschaft.

4663 | Behind the scenes: Die Meisterfeier der Bamberger!


„Nach der letzten Saison mit den 40 Siegen gegen 3 Niederlagen, 9:0 in den Playoffs, brauche ich etwas Neues“, sagt Andrea Trinchieri im Telekom Basketball-Interview vor der aktuellen Saison. „Ich lebe nicht in der Vergangenheit, denn dann würde ich einen Riesenfehler machen. Überall wo wir hinkommen wollen wir unser Bestes geben.“ Es hat immer etwas Philosophisches, wenn der 48-jährige mit seiner ruhigen Stimme seine Pläne erläutert. Es ist eine durchaus spannende Frage: Was treibt den Erfolgstrainer in seinem dritten Jahr in Bamberg eigentlich an?


Seine Antwort kann jedem, dessen Herz für den deutschen Basketball schlägt, nur das Herz aufgehen lassen. „Letzte Saison war überragend und jetzt will ich weiter. Ich möchte mein deutschen Kern stärken, junge Spieler entwickeln. Ich will dem deutschen Basketball ein Vermächtnis hinterlassen. Ich will ihn nicht einfach nur benutzen.“ Vermächtnis. Großes Wort. Und ein nobles Anliegen des Italieners.

Dass er das kann, dass er das Ernst meint, zeigt der Name Patrick Heckmann am Eindrucksvollsten. Als „Nobody“ vom College verpflichtet und direkt integraler Bestandteil der Bamberger Mannschaft. Trinchieri vertraute ihm, setzte ihn vergangene Saison in fast allen Spielen ein, gleich ganze 18 Minuten im Schnitt. In den Playoffs stand Heckmann sogar mehr als die Hälfte des Spiels auf dem Parkett. Und das als europäischer Rookie. Inzwischen ist er Nationalspieler und hinter Paul Zipser wohl Deutschlands bester Dreier. „Ich mache keine Geschenke“, sagt Trinchieri grundsätzlich. „Ich bin nicht der Nikolaus. Ich bin sehr fordernd. Wenn ein Spieler auf dem Feld steht, hat er sich die Minuten verdient.“


Dem Erfolgstrainer geht es in Jahr drei in Bamberg nicht mehr „nur“ um sportliche Erfolge im Sinne von Siegen. „Ich will die Dinge auf unsere Weise erledigen. Wenn uns das ein paar Siege kostet, dann nehme ich das in Kauf. Wir haben den Rekord schon geschafft.“ Es geht ihm um ein großes Ganzes. Wieder wirkt der Italiener philosophisch, weil in großen Dimensionen denkend. „Es ist ganz einfach: Ich will immer einen Schritt voraus sein“, erklärt er sein Erfolgsrezept.
 

5728 | Andrea Trinchieri (2015)

Rückblick: So tickte Andrea Trinchieri wenige Monate nach seiner Ankunft in Bamberg

Im letzten Jahr war er der ganzen Liga eher fünf Schritte voraus, so unbeschwert siegte sich seine Mannschaft zum Titel. Trinchieri hat nur zwei Jahre gebraucht, um die wohl beste deutsche Mannschaft aller Zeiten zu formen. Dass Bamberg alles so hell überstrahlte, lag aber auch an der bedenklich schwächelnden Konkurrenz. Alba Berlin spielte seine schlechteste Saison seit Jahren. Der FC Bayern, im Vorjahr noch auf Augenhöhe, schleppte sich ins Halbfinale und wurde dort von Brose in seine Einzelteile zerlegt.

Andrea Trinchieri

Manchmal musst du Entscheidungen treffen, die im ersten Moment komisch erscheinen. Aber man muss das große Ganze sehen.



Diese Saison ist der große Kontrahent aus München aber wiedererstarkt. Vielleicht stark wie nie zuvor. Nach dem Duell der Alpha-Tiere am Sonntag weiß man darüber ein gutes Stück mehr. Trinchieris größere Herausforderung: Er verlor seinen besten Spieler, den besten Spieler der Bundesliga: Point Guard Brad Wanamaker. „Wir wussten, dass wir Wanamaker verlieren. Da gab es keine Zweifel“, sagt Trinchieri pragmatisch. „Wir wollten keinen Wanamaker 2.0, weil es den nicht gibt. Er war extrem erfolgreich. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an seine Qualität, den Menschen, aber manchmal musst du Entscheidungen treffen, die im ersten Moment komisch erscheinen. Aber man muss das große Ganze sehen. Wir hatten drei Spieler auf der Liste, und Fabien war der erste.“

Fabien Causeur soll und kann nicht der Ersatz für den dominanten Superstar der letzten zwei Jahre sein. Es passt zu Trinchieri, dass er Wanamaker-Verlust aus dem Teamgefüge heraus abfangen will. Ja, mit Causeur, aber auch mit der Erfahrung selbst namens Nikos Zisis und Janis Strelnieks, den Trinchieri vom primären Shooter zum Aufbauspieler weiterentwickeln hat. Genauer gesagt, soll die ganze Mannschaft wie MVP Wanamaker spielen.


„Ich werde versuchen jeden Spieler zu einem Star in seiner Rolle zu machen. Ein Star. Ein MVP in seiner Rolle“, betont Trinchieri nochmal. „Das wird mein neuer Ansatz diese Saison.“ Bestes Beispiel: Lucca Staiger. In München war Staiger nie so wirklich glücklich mit seiner Rolle als Rotationsspieler. In Bamberg sitzt der Edelshooter mal fast das ganze Spiel auf der Bank, um dann im nächsten Dreier um Dreier zu versenken und Topscorer zu sein. Unter Trinchieri geht das.

An der Seitenlinie wirkt der 48-Jährige oft fast ein bisschen verrückt, wie viele Basketballtrainer eben. Unheimliche Intensität in seinen Ansprachen. Im wahrsten Sinne unheimlich, man möchte als Außenstehender nicht mit den Spielern tauschen. Trinchieri sagt Dinge wie: „Wir werden langsamer und das ist bei unserer Offense ein Verbrechen. Den Ball eine Sekunde länger zu halten, ist ein Verbrechen.“ Und schiebt dann nach: „Aber die Fehler sind ein Teil des Prozesses. Und ich finde den Prozess wirklich gut. Ich bin hier um das zu Korrigieren und zu pushen und unser Spiel aufuzupolieren. Das braucht Zeit. Kein Problem.“ Der Basketball-Verrückte und der Philosoph, sie wechseln sich gerne ab.


Bei den Spielern kommt das an: „Ganz klar der Erfolg spricht für ihn“, sagt Elias Harris. „Die Spieler, die schon länger mit ihm arbeiten verbessern sich stetig. Und er fordert auch von seinen Spielern dass man sich verbessert und offen bleibt. Ich freue mich auf das dritte Jahr mit ihm.“ Niccolo Melli sagt über Landsmann Trinchieri: „Er hat einen echt starken Siegeswillen und den Willen alles zu perfektionieren. Seine Ansprüche sind sehr hoch, die ganze Saison lang. Manchmal würde er am liebsten auch im Flugzeug trainieren.“ Melli lacht kurz. Herrliche Vorstellung. Der 2,05 Meter-Mann Melli quält sich im Flugzeug unter den Anweisungen von Trainer Trinchieri zu neuen Bestleistungen.

Wenn Trinchieri es wirklich schafft trotz der zu erwartenden deutlich größeren Gegenwehr aus München und wohl auch aus Ulm, des Abgangs seines besten Spielers, der nie dagewesenen Belastung von mindestens 30 Euroleague-Spielen, trotz all diesen Widrigkeiten die Meisterschaft in seinem dritten Jahr zum dritten Mal zu holen und nebenbei noch den „deutschen Kern stärken, junge Spieler entwickeln“ kann… Es wäre sein wahres Meisterstück. Man muss ja fast hoffen, dass er zumindest teilweise scheitert, dass noch eine Aufgabe übrig bleibt. Damit dieser Trainer der Bundesliga noch länger erhalten bleibt.