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Körners Corner

11. Januar 2017

Wollt ihr das wirklich wissen? Über den Umgang mit der Wahrheit

Von Michael Körner
@MichaKoerner

Die Ergebnisse von Umfragen sind seit Jahren beständig: Im Ansehen der Bevölkerung rangiert das Berufsbild des Journalisten auf den unteren Plätzen. Politiker, Anwälte, Journalisten. Für einen nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung bilden sie den moralischen Bodensatz der Gesellschaft. Dem Journalisten wird häufig vorgeworfen, gezielt Unwahrheiten zu verbereiten. Das stimmt nicht, meint Michael Körner. Sie behalten nur die Wahrheit gelegentlich für sich.

Die Situation ist vielleicht 20 Jahre her. Ich hatte im TV-Magazin „report“ (Moderator war der legendäre Klaus Bednarz) einen Bericht über Legehennen gesehen. Darin wurde erklärt, dass man Eier aus Legebatterien oft gut erkennen kann, da auf einem frischen Ei, wenn es unmittelbar nach dem Legen eine kleine Gitterrutsche hinunter gleitet, eine Art Muster zu erkennen ist. Nicht überdeutlich, aber eben so eine leichte Rillenstruktur. Beim Einkauf sollte man auf jenes Muster achten, da mittlerweile die Händler Legebatterie-Eier unter die Eier aus Boden- oder Freilandhaltung mischen würden.

Wenige Tage später ging ich über den heimischen Markt und schaute beim Eierhändler vorbei. Mit meinem frisch angeeigneten Wissen schaute ich in die Auslage der Eier aus Bodenhaltung. Und tatsächlich hielt ich plötzlich ein Ei mit besagtem Rillenmuster in den Händen. Ohne auf großartigen Streit aus zu sein, erzählte ich dem Händler von der Report-Sendung und den Rillen auf vermeintlichen Bio-Eiern. Und nun mein Kardinalfehler: Ich sagte, ich sei selber Journalist und interessiere mich für das Thema. Ich hatte das Wort „Journalist“ noch nicht ausgesprochen, da erreichte des Händlers Reaktion bereits Orkanstärke. Hier ein paar Zitate:

„Ihr dreckiges Pack. Dieser Bednarz und dieses ganze Gesocks.“

„Ich bin Händler in der dritten Generation. Was glaubt ihr, wer ihr seid?“

„Verschwinde hier, du linke Socke!“

Auweia! So direkt kam ich seitdem nicht mehr mit dem Hass gegen Journalisten in Berührung. Was natürlich auch an meinem Schwerpunkt liegt, der Sportberichterstattung. Da ist das Misstrauen deutlich geringer als im Polit- oder Korruptionssumpf.

Aber in Anbetracht der Tatsache, dass immer weniger Menschen Vertrauen in die Arbeit von Medien haben und selbst renommierteste Organe als „Lügenpresse“ beschimpft werden, lohnt vielleicht doch ein kleiner Blick auf eines der Grundprobleme des Journalismus.

Der Umgang mit der Wahrheit.

Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, Informationen zu beschaffen. Mannschaftsaufstellungen, Spieler-Biographien und Statistiken sind weitestgehend keimfrei. Eine simple Aneinanderreihung von Fakten, Grundinformationen, der 1x1 Werkzeugkoffer. Deutlich sensibler wird die Informationslage zum Beispiel bei Themen wie Verletzungen, spieltaktische Ausrichtungen oder natürlich Geld.

Spätestens hier werden einem Journalisten schnell zwei Dinge vor Augen geführt:

Erstens: Eine Information ist eine Ware.

Zweitens: Das Handeln und Besitzen von Informationen unterliegt Bedingungen und Beschränkungen.

Das klingt jetzt sehr allgemein und beinahe belanglos. Aber es ist notwendig, um die Problematik zu verstehen.

Ein Beispiel:

Tim Ohlbrecht erleidet beim Spiel der Ulmer in München eine schwere Knieverletzung. Ich bin der Live-Kommentator des Spiels. Nun wird Ohlbrecht humpelnd in die Kabine geführt. Von diesem Moment an ist die Diagnose über die Schwere der Verletzung eine mehr oder weniger wichtige Information.

Für Tim ist es eine ausgesprochen wichtige Information, da es seine persönliche Gesundheit betrifft.

Für ratiopharm ulm ist es eine sehr wichtige Information, da es die sportliche Entwicklung des Vereins in der laufenden Saison betrifft.

Für uns Beobachter, Zuschauer und Fans ist es eine weniger wichtige Information. Es sollte auf den ersten Blick ausreichen zu wissen, dass er verletzt ist und nicht spielen kann. Darüber hinaus geht es im Wesentlichen um die Befriedigung der persönlichen Neugier.

Gehen wir aufs Ganze: Wenn in diesen Tagen Donald Trump Präsident wird, dann erhält er von den amerikanischen Geheimdiensten Einblicke in die größten Geheimnisse bzw. Ereignisse der Geschichte und Gegenwart. Als Barack Obama damals eingeweiht wurde, sagte er die nicht sehr verheißungsvollen Worte:  Ich erbe eine Welt, die jederzeit auf ein halbes Dutzend Arten in die Luft fliegen kann. Und ich verfüge über einige mächtige aber sehr fragwürdige Mittel, um das zu verhindern.

Viele Dinge kommen, sollen und dürfen nicht an die Öffentlichkeit. Natürlich sollen Verbraucher darüber aufgeklärt werden, wenn ihre Eier nicht daher kommen wie angegeben. Wenn zig Milliarden Dollar weltweit über Briefkasten-Firmen verschoben werden. Auch wenn wir mittlerweile kaum noch hinterher kommen, die weltweiten Missstände aufzuklären, so bleibt es erste Journalistenpflicht, die Wahrheit zu erkunden.

Es gibt aber überraschend viele sensible Informationen, die den Empfindungsradius diverser Personen berühren. Sportler sind das lebende Kapital eines Vereins. Alles was ihr Wohlergehen betrifft, wird mit Vorsicht behandelt. Ein Verein möchte seine Spieler auch schützen. Und der Spieler muss sich selber schützen. Jede Information über sein Kapital (sein Körper) kann seinen persönlichen Marktwert grundlegend verändern. Oder ihn in zukünftigen Duellen angreifbarer machen. 

Jeder ist menschlich. Persönliche Fehltritte, schwere Krankheiten, sexuelle Orientierungen sind privat und sollten (falls nicht anders gewollt) privat bleiben.

Wie geht es Michael Schumacher? Wer ist wirklich der Vater von Prinz Harry? 

Die Antworten müssten uns eigentlich egal sein (ich weiß es übrigens auch nicht), sind es aber oft nicht. Nun gibt es aber tatsächlich einen kleinen Kreis von Menschen, die es wirklich wissen. Aber an die Öffentlichkeit kommt es nicht. Und das ist auch richtig.

Denn was macht „die Öffentlichkeit“ eigentlich mit der Wahrheit? Sie wird missachtet, falsch interpretiert oder mit falschen Rückschlüssen versehen. Kommerziell ausgeschlachtet noch dazu. 

Ich bin kein großer Fan der Öffentlichkeit. Oder der breiten Masse. Anders formuliert: Ich mag den Menschen nicht, sobald er als Herdentier auftritt. Da wird er mir suspekt.

Eine aktuelle Frage bei dem der Eingriff in die Privatsphäre keine Rolle spielt und deren Beantwortung eigentlich von größter Bedeutung sein müsste: Haben russische Hacker die US-Wahl manipuliert?

Selbst wenn unwiderlegbare Beweise an den Tag kommen würden, dass es so wäre, vermutlich würde es eine Mehrheit weiterhin nicht glauben, in Gegenfragen ausweichen oder andere wilde Verschwörungstheorien entwickeln.

Der Mensch verträgt oft die Wahrheit nicht. Als wäre er darauf nicht vorbereitet. Daher sollte er tatsächlich auch nicht alles erfahren.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem aus Informationen die besten Geschichten erzählt werden. Fantastische Hintergrundreportagen, detailreiche Analysen, wissenschaftliche Aufarbeitungen etc. etc.

Aber ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung lehnt das alles ab, bildet sich Meinungen aus dem Gefühl heraus und diffamiert den Journalisten als Lügner. Es gibt nicht wenige Menschen, die bis heute nicht an die Mondlandung glauben.

Das ist wahnsinnig deprimierend.

Zurück zu Tim Ohlbrecht:

Ich habe bereits während des Spiels und auch in den Tagen danach immer mal wieder nachgefragt, wie es denn um Tim steht. Es interessiert mich persönlich, da ich ihn sehr mag und einfach wissen will, wie es ihm geht. Ehrlicherweise ist es aber auch berufliche und persönliche Neugier.

Als ich in den Besitz der Information gekommen bin, habe ich sie auf Wunsch des ursprünglichen Besitzers allerdings nicht öffentlich verbreitet.

Wie so manche andere Information landet sie auf einem besonderen Ablageort. Es gibt keinen Namen für diesen Ort. Aber er befindet sich in einer Art Zwischenwelt. Denn ehrlicherweise hat jedes Geheimnis eine Wahrheit, die irgendjemand kennt. Diese Zwischenwelt ist mittlerweile sehr groß, sehr unübersichtlich. Was nichts mit dem Berufsstand des Journalisten zu tun hat. Sondern wie wir mit der Wahrheit umgehen.

Die Ware Information ist immens wertvoll. Die Wahrheit unbezahlbar. Entsprechend vorsichtig sollte man sie behandeln.