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Kochs Kolumne

6. Juni 2017

Zufriedenheit mit der Vize-Meisterschaft oder Attacke-Modus?

Stefan Koch

Von Stefan Koch

„3:0 für Bamberg.“ In allen Unterhaltungen, die ich seit dem Oldenburger Sieg im fünften Halbfinale in Ulm geführt habe, war das der Tipp meiner Gesprächspartner. Das Argument, dass die Playoffs bislang unberechenbar waren, verpuffte komplett wirkungslos. Die Auftaktpartie am Sonntag war natürlich Wasser auf die Mühlen der „Sweep-Antizipatoren“. Für die Norddeutschen geht es jetzt darum, am Mittwoch in der zweiten Begegnung den Schalter komplett umzulegen. Vorsicht Binsenweisheit: Das beginnt im Kopf. Die wichtigste Frage lautet: Ist Oldenburg zum jetzigen Zeitpunkt mit der Vize-Meisterschaft schon zufrieden? Das soll bitte niemand falsch verstehen, die Finalteilnahme ist für die Mannschaft von Mladen Drijencic ein riesiger Erfolg, insbesondere wenn man den Saisonverlauf in Betracht zieht. Aber jetzt gilt es für Spieler und für Fans daran zu glauben, dass das unmöglich Scheinende machbar ist und dafür noch einmal alle Reserven zu mobilisieren.

Wie wichtig das erste Heimspiel nach einer Auftaktniederlage ist, wissen Rickey Paulding und Co spätestens seit der Serie gegen Ulm. Ich vermute, dass kein Oldenburger widersprechen wird, wenn ich schreibe, dass ohne das sagenhafte Comeback in der zweiten Halbzeit und dem daraus resultierenden Sieg der Hauptrundenprimus jetzt Bamberg herausfordern würde. Mit welcher Mentalität gehen die Gastgeber in das nächste Spiel: Zufriedenheit mit der Vize-Meisterschaft oder Attacke-Modus?

Wie sind die Fans gestimmt? Werden sie die die EWE Arena in einen Hexenkessel verwandeln, oder sind sie eher auf eine nette Verabschiedung ihres Teams vor der Sommerpause aus, weil es ihnen schwer fällt zu glauben, dass es überhaupt zu einem vierten Spiel kommt? Bei dieser Frage kommt mir unweigerlich die Erinnerung an 1998, als die Ulmer Anhänger ihrer Mannschaft schon vor Ende der Finalserie gegen die übermächtigen Berliner auf einem Transparent zur Vize-Meisterschaft gratulierten!

Gehen wir davon aus, dass Spieler und Fans aus Oldenburg den Attacke-Modus wählen. Dann bleiben dennoch viele Fragezeichen und sehr viele Dinge, die für Bamberg sprechen. Der Außenseiter nannte als ein Problem die kurze Vorbereitung. Diese Aussage ist für mich nur bedingt richtig, denn bis Donnerstag wusste auch der Titelverteidiger nicht, gegen wen er spielen würde. Wahrscheinlich lag der Schwerpunkt von Andrea Trinchieri bis dahin sogar eher auf Ulm. Die fehlende Frische ist sicher ein größerer Faktor, der durch die aufgrund des Unwetters extrem strapaziöse Anreise nach Freak City noch potenziert wurde.

Stefan Koch

Bamberg verteidigt extrem gut und glänzt im Angriff wieder mit wunderschöner Ballbewegung.

Der wichtigste Aspekt, der das Unternehmen für Oldenburg zur „Mission nearly impossible“ macht, ist die Qualität des Bamberger Spiels, die sich in den Playoffs stetig gesteigert hat und jetzt am Topniveau kratzt. Ganz vereinfacht: Bamberg verteidigt extrem gut und glänzt im Angriff wieder mit wunderschöner Ballbewegung.

Besonders gespannt war man auf Pauldings Gegenspieler nach dessen Heldentaten gegen Ulm. Darius Miller startete beim Meister als Small Forward und wäre auf dieser Basis eigentlich das Match-up zu Beginn des Spiels gewesen. Der ehemalige NBA-Spieler ist ein äußerst vielseitiger Verteidiger, der sich von Dru Joyce bis John Bryant schon um alle (Positionen) gekümmert hat. Aber der 27-Jährige ist auch immer für einen Konzentrationslapsus gut, vor allem wenn er auf seiner eigentlichen Position verteidigt. Genau solche kurzen Aussetzer hatte Paulding zuletzt gnadenlos bestraft.

Gut möglich, dass deshalb Fabien Causeur gegen die Oldenburger Gallionsfigur begann, um ihr keine Chance zu geben, früh Rhythmus aufzunehmen. Der Franzose ist Topscorer des Meisters und aktuell der wahrscheinlich stärkste Offensiv-Spieler. Dass er trotzdem die wichtigste Defensiv-Aufgabe zugewiesen bekam, spricht für die Verteidigungsqualitäten des dynamischen Linkshänders und den berechtigten Glauben Trinchieris an die Tiefe seines Kaders. Miller spielte zu Beginn beider Halbzeiten offensiv sehr aktiv, was Paulding jede Chance zu verschnaufen verwehrte.

9344 Brose Bamberg - EWE Baskets Oldenburg

Die Gäste hatten kein Mittel gegen die Bamberger Dominanz. Der partielle Einsatz der Zonenverteidigung am Ende der ersten Halbzeit schien nicht von der Überzeugung in diese Variante geprägt, sondern wirkte eher wie ein Versuch, mit einer grundsätzlichen Veränderung Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen.

Vieles spricht für Brose Bamberg. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Oldenburger schon zwei Serien ohne Heimvorteil gewonnen haben. Immer dann, wenn es so aussah, als ob sie keinen Lösungsansatz mehr finden könnten, sind sie zurückgekommen. Nach der katastrophalen ersten Halbzeit im zweiten Spiel gegen Ulm (33:60) haben sie ein Comeback hingelegt, über das in Jahren noch gesprochen werden wird. Als sie die Halbfinalserie zu Hause hätten beenden können, bekamen sie keinen Fuß auf den Boden – nur um dann zwei Tage später an der Donau beeindruckend ins Finale einzuziehen. Deshalb erwarte ich ein Oldenburger Team im Attacke-Modus.